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Geldautomaten:Automatisch teuer

Damit ihre Bürger weiter am Ort an Bargeld kommen, werden manche Gemeinden erfinderisch und arbeiten mit Spezial-Anbietern. Für deren Service aber zahlen die Nutzer meist doppelt.

Von Felicitas Wilke

In Schönfeld in Sachsen gibt es eine Bäckerei, einen Friseur und einen Getränkemarkt. Doch um Brötchen, den neuen Haarschnitt oder eine Flasche Wein jederzeit in bar bezahlen zu können, müssen die knapp 1900 Bürger vorher zum Geldholen in den Nachbarort fahren. Denn in Schönfeld steht seit Kurzem kein Geldautomat mehr. Die Sparkasse Meißen machte zum Jahresende acht ihrer Filialen dicht, in Schönfeld montierte sie auch den Geldautomaten ab. Es gab nicht genügend Nutzer, sagt die Sparkasse.

Was sich in Schönfeld abspielt, lässt sich derzeit in vielen deutschen Städten und Gemeinden beobachten. Bundesweit verschwinden Filialen von Banken und Sparkassen, manchmal bleibt nicht mal der letzte Geldautomat am Ort stehen. Die Automaten zu betreiben sei teuer, argumentieren die Institute, mehr als 10 000 Euro koste das im Jahr. Zu viel, finden sie, die in Zeiten niedriger Zinsen nicht mehr viel am Kreditgeschäft verdienen. Also wird gespart.

Doch es gibt Anbieter, die genau davon profitieren. Auf Geldautomaten spezialisierte Unternehmen wie Euronet, Cardpoint oder IC Cash füllen einige der Lücken, die die Banken hinterlassen haben, sodass in Deutschland immer noch rund 58 000 Geräte Bares unter die Menschen bringen. Und sie expandieren: Vor zehn Jahren standen in Deutschland weniger als 1500 Automaten dieser spezialisierten Betreiber, inzwischen sind es fast dreimal so viele. In Berlin, Hamburg und München verdichten sie das dünner gewordene Automatennetz, in manchen kleineren Gemeinden stellen sie bereits den einzigen Geldautomaten weit und breit.

Die Firmen heißen Euronet oder IC Cash, ihre Maschinen stehen auch mal im Grünen oder an etwas abgerockten Ecken. Die Anbieter füllen die Lücke, wenn die Bank auf dem Land zumacht.

(Foto: Imago, Horst Galuschka/dpa (2))

"Ich habe immer noch große Bauchschmerzen damit, dass sich die Sparkassen von ihrer Versorgungspflicht verabschieden und Geldautomaten aus dem ländlichen Raum abziehen", sagt Hans-Joachim Weigel, Schönfelds Bürgermeister. Nachdem er nicht verhindern habe können, dass die Sparkasse den Automaten abbaut, habe er sich nach Alternativen umgehört, sagt Weigel. Im Frühjahr soll die Firma Cardpoint ein Gerät vor dem örtlichen Getränkemarkt aufstellen, an dem die Bürger Tag und Nacht Bargeld abheben können. Allerdings nicht umsonst: Um an Geld zu kommen, wird Cardpoint den Schönfeldern künftig einen Euro vom Konto abbuchen.

Bei den Geräten der Drittanbieter kommt nämlich kein Mensch mit seiner Girokarte umsonst davon. Cardpoint und die anderen Unternehmen gehören zu keiner Bank und können anders als klassische Geldinstitute den Betrieb der Automaten nicht querfinanzieren, indem sie Kredite vergeben oder ihren Kunden Finanzprodukte verkaufen. Sie leben davon, Bargeld auszugeben.

Die Kosten variieren - nach Standort der Geräte und nach Uhrzeit

"Wir passen die Gebühren an das Kundenumfeld an", sagt Kersten Trojanus, Geschäftsführer der Firma IC Cash, die bundesweit 800 Automaten betreibt. Nicht nur auf dem Land, sondern auch auf Festivals, dem Oktoberfest, an Raststätten oder in Fußgängerzonen. Wie die Drittanbieter ihre Gebühren gestalten, ist für Kunden kaum nachzuvollziehen und hängt von Ort und Uhrzeit ab. So berechnet Euronet in einem Münchner Einkaufszentrum pauschal 4,99 Euro, wenn man mit der Girokarte Geld abheben möchte. Keine zwei Kilometer entfernt, vor dem Eingang eines Bordells, fallen drei Euro mehr an. Ähnlich ist es in der Münchner Leopoldstraße: Wer nachmittags Geld für den Stadtbummel abheben möchte, muss 4,99 Euro bezahlen. Nachts, wenn die Menschen in den nahegelegenen Bars feiern, kostet das Bargeld einen Euro mehr. "Wir wollen Anwohnern ermöglichen, tagsüber günstiger Geld abzuheben", sagt Trojanus. Man könnte aber auch sagen: Wenn Menschen in Feierlaune sind und die Dinge ein wenig lockerer sehen, knüpft ihnen der Automat mehr ab.

In Großstädten, Einkaufszentren und auf Festivals müssen die Betreiber der Automaten oft viel Miete bezahlen oder einen Teil ihres Gewinns an den Vermieter abgeben, um ihre Geldautomaten aufstellen zu dürfen. Das erklärt einen Teil der hohen Abhebegebühren. In kleineren Gemeinden kommen die Bürger meist günstiger davon. "Die Gebühren reichen von null bis drei Euro, je nachdem, ob wir Subventionen erhalten", sagt Andreas Raabe, Geschäftsführer von Cardpoint. In einigen Gemeinden zahlt die örtliche Sparkasse einen Betrag an Cardpoint, damit die eigenen Kunden doch noch kostenlos an Bargeld kommen. In etwa sechs von zehn Fällen sei dies der Fall, sagt Raabe.

Es geht umsonst

Verbraucher müssen sich an fremden Geldautomaten nicht immer auf hohe Gebühren einstellen. Denn während bei der Girokarte, besser bekannt als EC-Karte, der Automat die Höhe der Gebühr festlegt, sind bei Kreditkarten die ausgebenden Banken dafür zuständig. Wer etwa ein Konto bei einer Direktbank besitzt, die oft mit kostenlosen Kreditkarten werben, kann in der Regel an allen Geldautomaten umsonst abheben - auch bei den sonst so teuren Drittanbietern. Teilweise deckeln die Unternehmen jedoch die Summe, die Nutzer dort abheben dürfen, zum Beispiel auf maximal 200 Euro. Unabhängig davon dürfen die Betreiber von Geldautomaten ihren Nutzern keine Gebühren berechnen, ohne sie vorher darauf hingewiesen zu haben. "Allerdings ist der Preis bei manchen Betreibern nur sehr schwierig zu erkennen, weil er auf dem Display ganz unten in kleiner Schrift angezeigt wird", sagt Uwe Döhler von der Stiftung Warentest. Verbraucher sollten beim Geldabheben daher genau hinschauen. Ist ihnen die angezeigte Gebühr zu teuer, können sie den Vorgang abbrechen. Felicitas Wilke

Fast immer aber kommen die Gemeinden den Anbietern entgegen, um die Gebühren möglichst gering zu halten. In Schönfeld erlassen sie Cardpoint zum Beispiel die Miete und schließen den Automaten ans Strom- und Telefonnetz an, andernorts übernehmen sie sogar die Stromkosten. "Wir haben auch schon mit einer Gemeinde zusammengearbeitet, die uns direkt bezuschusst hat", sagt Raabe. Inzwischen allerdings hat die Gemeinde den Vertrag gekündigt: Auf Dauer ist es zu teuer.

Dort, wo gerade kein Geldautomat mehr steht, ärgern sich die Menschen vor allem über die Sparkassen, die sich zurückziehen. "Ich halte das für eine bodenlose Frechheit", sagt Patrick Meyer, Bürgermeister von Hummeltal im Landkreis Bayreuth. Da sie kommunal verankert sind, sehen die Bürgermeister die Sparkassen in der Pflicht, die Bargeldversorgung zu gewährleisten. Vor Kurzem zog nicht nur die Sparkasse ihren Geldautomaten aus dem 3000-Einwohner-Ort Hummeltal ab, sondern auch die Volksbank-Raiffeisenbank. Ihr Bargeld erhalten die Bürger jetzt beim Bäcker, wo die Sparkasse einen sogenannten Cash-Point eingerichtet hat. Damit können die Kunden gratis an der Theke mit ihrer EC-Karte Geld abheben.

Dieses Angebot nimmt rapide zu. Geldabheben im Getränkemarkt oder in Supermärkten wird bundesweit immer beliebter. Doch abends oder am Wochenende bringt meist nur der Geldautomat Bares. Patrick Meyer hat sich schon erkundigt, ob ein Automat eines Drittanbieters für Hummeltal infrage kommen würde. "Aber bei uns würde die Gebühr bei mehr als drei Euro liegen, das ist zu teuer", findet er.

Indem die Institute Geldautomaten entfernen, versuchten sie, Verbraucher schrittweise weg vom Bargeld und hin zur Kartenzahlung zu bewegen, sagt Dirk Schiereck, Darmstädter Professor für Unternehmensfinanzierung. "Wenn die Zinsen niedrig wie nie sind, wird den Banken erst bewusst, wie viel es tatsächlich kostet, Menschen mit Bargeld zu versorgen", sagt Schiereck. Wer mit Karte zahlt, verursacht dagegen kaum Kosten.

Doch noch zahlen die Deutschen am liebsten bar. "Ich glaube, dass gerade ältere Menschen im Zweifel eher einmal im Monat zum Geldabheben in die nächste Stadt fahren werden, als im Dorf mit Karte zu bezahlen", sagt Schiereck. Oder sie nehmen am Gerät eines Drittanbieters die Gebühr in Kauf. Besser ein teurer Geldautomat als gar kein Geldautomat, findet Schönfelds Bürgermeister Weigel.

© SZ vom 28.02.2017
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