Ausbau alternativer Energien Lieber weniger Meer

22 Milliarden Euro sollen in den kommenden zehn Jahren in den Ausbau sogenannter Offshore-Anlagen fließen. Die Windenergie vom Meer ist zwar teurer, aber auch verlässlicher. Doch die höhere Ausbeute wiegt den Mehrpreis gar nicht auf, wie eine Studie nun zeigt. Besser wären zusätzliche Investitionen an Land.

Von Michael Bauchmüller

Es sind wieder mal große Zahlen, mit denen sich interessierte Bürger in den kommenden sechs Wochen beschäftigen dürfen: 430 Kilometer Stromleitungen in der Ostsee. 1720 Kilometer in der Nordsee. 22 Milliarden Euro Kosten in den nächsten zehn Jahren. So sehen es die Pläne der deutschen Netzbetreiber für den Ausbau des deutschen Meeresstromnetzes vor, es soll die Windenergie von der See zum Festland bringen. Am Wochenende starteten die Netzbetreiber das formale Konsultationsverfahren zum Milliardenplan.

Doch just an diesem Montag wird erstmals eine Studie vorgestellt, die das Tempo des Ausbaus zur See infrage stellt, wiederum mit großen Zahlen. Danach wäre die gesamte Energiewende um jährlich zwei Milliarden Euro billiger zu haben, würden die vielen Windparks zur See später und langsamer errichtet als derzeit geplant. Das geht aus Berechnungen hervor, die das Aachener Beratungsunternehmen Consentec zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Windenergie und Systemtechnik angestellt hat. Sie liegen der Süddeutschen Zeitung vor.

Windstrom ist verlässlicher - aber auch teurer

Im Auftrag des Berliner Thinktanks Agora Energiewende hatten die Gutachter Kosten und Nutzen verschiedener Ökostrom-Szenarien untersucht. Zum einen die bisherigen Annahmen, die bis 2023 einen massiven Ausbau der sogenannten Offshore-Windkraft prognostizieren, samt entsprechender Ertüchtigung der Stromnetze. Und zum anderen zwei Varianten des "Onshore"-Ausbaus, also von Ökoenergie an Land. Die nämlich lässt sich entweder da ausbauen, wo die Bedingungen günstig sind - also mit vielen Windrädern im zugigen Norden und viel Sonnenenergie im freundlichen Süden. Oder aber dort, wo der Strom verbraucht wird, also über die ganze Republik verteilt. Beide Varianten berechnet die Studie gesondert und auch das mit verblüffenden Ergebnissen.

Da wäre einmal das große Problem der Windanlagen zur See: ihr Preis. Mit hohem Aufwand in die tiefe deutsche See gesetzt, liefern sie vergleichsweise teuren Windstrom. Das allerdings wesentlich verlässlicher und öfter als die Pendants an Land. Doch die höhere Ausbeute wiegt den Mehrpreis nicht auf. Zwar müssten mehr Windanlagen an Land gebaut werden, um dieselbe Strommenge zu erzeugen, heißt es. "Durch die hohen Unterschiede bei den Investitionskosten ergibt sich jedoch in Summe eine erhebliche Kostenersparnis." Diese könne zwischen 1,9 und 2,5 Milliarden Euro im Jahr liegen.

Gleichwohl dürfe der Bau von Windkraftwerken zur See nicht völlig zum Erliegen kommen, schon um die Technologie weiterzuentwickeln. Derzeit sind in Nord- und Ostsee insgesamt 29 Windparks genehmigt, mit mehr als 2000 Windrädern. Der Baufortschritt allerdings ist bislang schleppend.

"Sehr großer Handlungsspielraum" für die Politik

Wenn aber weniger Ökostrom von der See kommt, wo sollen die Anlagen dann an Land entstehen? Die Antwort der Studie, mal ganz einfach gefasst: Das ist nahezu egal. Die Berechnungen stellen damit auch die beliebte These auf den Kopf, dass erneuerbare Energien vor allem dort ausgebaut werden sollten, wo die Natur die richtigen Bedingungen schafft, sprich: Wind im Norden, Sonne im Süden. Auch die Bundesregierung würde den Bau neuer Anlagen gerne entsprechend steuern.

Allerdings klammerte diese Theorie bisher stets verschiedene Faktoren aus. So würden in Norddeutschland in diesem Fall große Mengen an Strom produziert, die aufwendig nach Süden transportiert werden müssen. Das schafft so oder so neue Kosten. Entweder der Netzausbau kommt nicht schnell genug voran: Dann werden die norddeutschen Windräder immer häufiger ihren Strom nicht los, stattdessen müssen Reservekraftwerke einspringen. Oder aber die Stromnetze werden fertig - verschlingen jedoch ihrerseits wieder Geld. Die Kosten sind den Experten zufolge in beiden Fällen ungefähr gleich hoch.

Die Alternative wären mehr Solaranlagen und Windräder über das Land verteilt, also nahe an den Verbrauchern. Die Ausbeute an Ökostrom ist zwar dann geringer, dafür aber braucht es auch weniger schnell neue Leitungen. Damit erübrigen sich die neuen Netze nicht, sie verlieren aber an Dringlichkeit. Das spart Kosten. "Unter reinen Kostengesichtspunkten ist ein um wenige Jahre verzögerter Bau nicht kritisch", sagt Agora-Kopf Rainer Baake. Vor allem aber habe die Politik einen "sehr großen Handlungsspielraum", wenn es um die regionale Verteilung der Ökostrom-Anlagen geht. Viel größer offenbar, als sie selbst mitunter denkt.