Asylbewerber Der Arbeitsmarkt muss sich für Flüchtlinge verändern

Ein syrischer Flüchtling wird in einem Metallbetrieb in Schleswig-Holstein angelernt.

(Foto: dpa)

Deutschland muss weg von einem System, das Asylbewerber vom Arbeiten abhält. Sie müssen so schnell wie möglich beschäftigt werden - zur Not in Ein-Euro-Jobs.

Kommentar von Alexander Hagelüken

In Berlin kennt man das: Eine Ministerin verlangt vom Kassenwart der Regierung eine halbe Milliarde Euro obendrauf. Weil, wie sie rasch ergänzt, diese Aufgabe nicht "zum Nulltarif" zu leisten sei. Die Forderung wirkt von Inhalt und Vokabular wie übliches Politgeschäft. Besonders wird sie dadurch, dass hier Sozialministerin Nahles mehr Geld wünscht, um Flüchtlingen Beschäftigung zu verschaffen. Der Zustrom der Migranten, Deutschlands großes Thema zurzeit, kommt auf der Arbeitsebene an. Und zwar genau dort, wo sich entscheidet, ob die Bundesrepublik diese Herausforderung bewältigt - oder ob sie scheitert.

Wenn sich die Zahl der Ankommenden begrenzen lässt und ein Großteil von ihnen Stellen findet, dürfte die Integration am Ende als gelungen gelten. Aus Sicht der Geflüchteten wie aus Sicht der Bundesbürger. Misslingt eine dieser Aufgaben, bleiben etwa viele Migranten vom Sozialstaat abhängig, steht das Land vor schweren Zeiten. Nahles' Forderung markiert, dass die Arbeitsmarktfrage jetzt in der Detailphase angekommen ist, dort, wo um einzelne Lösungen gerungen wird; was wir bisher erlebten, waren erst Euphorie und dann Pessimismus.

Die Euphorie stand am Anfang, damals vergangenen Sommer, als viele Deutsche die Flüchtlinge willkommen hießen und dafür international Anerkennung fanden. Auch mancher Unternehmer gab sich sehr positiv, beeinflusst von der Aussicht, dass dem Land in 30 Jahren 15 Millionen Arbeitskräfte fehlen, wenn nichts passiert. Beispielhaft dafür steht die Vision von Daimler-Boss Dieter Zetsche, die Flüchtlingswelle werde "ein neues Wirtschaftswunder" auslösen.

Viele Zuwanderer benötigen Hilfe, um in den Arbeitsmarkt zu finden

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Auf solchen Überschwang folgte Pessimismus, nachdem die Regierung beziffert hatte, in drei Jahren könne eine Million Flüchtlinge auf Hartz IV angewiesen sein. Skeptisch stimmten auch Schätzungen, wonach 80 Prozent der Ankommenden über keinen Schul- oder Berufsabschluss nach deutschen Standards verfügen. Dazu kommen der Alarmismus der CSU und die Aggression der AfD, die den Eindruck erwecken, die Flüchtlinge stellten in erster Linie eine Bedrohung dar.

Was Deutschland jetzt aber braucht, sind weder übertriebene Euphorie noch ebensolcher Pessimismus. Die Grunddaten bleiben gültig: Zuwanderung hilft, den Mangel gerade an Fachkräften zu lindern, der die Unternehmen sonst lähmen wird. Aber ein Großteil der Zuwanderer benötigt selbst Hilfe, um in den Arbeitsmarkt zu finden. Das hat in der Bundesrepublik bisher schlecht geklappt. Von den Asylbewerbern der vergangenen 20 Jahre geht nur jeder zweite einer Beschäftigung nach, bei den Deutschen sind es drei Viertel. Mehr als jeder zweite Asylbewerber kam als Ungelernter und blieb es; den Firmen fehlen aber Fachkräfte, für Ungelernte gibt es weniger Jobs als früher.

Damit der gegenwärtige Zustrom keine großen Probleme auslöst, muss sich das Land völlig wandeln. Weg von einem System, das Asylbewerber traditionell vom Arbeiten abhält und sich über ihre Qualifizierung wenig Gedanken macht. Und hin zu einem Modell, das Ankommende fördert - und sie notfalls mit Sanktionen fordert, Sprache und Beruf zu lernen.

Momentan gibt es zu viele Hindernisse

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Ministerin Nahles hat mit ihrer Forderung nach einer halben Milliarde Euro recht. Es ist wichtig, Flüchtlinge so schnell wie möglich zu beschäftigen, damit sie sich nicht von der Arbeitswelt entfernen. Wenn nichts anderes zur Verfügung steht eben in den umstrittenen Ein-Euro-Jobs, die bisher nur Hartz-IV-Empfängern angeboten werden. Aber solche Lösungen taugen nur vorübergehend. Zentral ist, dass die Migranten so viel Qualifikation wie möglich erhalten, um wirklich als Arbeitnehmer für eine moderne Volkswirtschaft geeignet zu sein. Das kann mit Praktika in den Firmen beginnen. Es kann parallel zu einem Hilfsjob stattfinden, mit dem viele Flüchtlinge erst mal Geld verdienen wollen, um etwas nach Hause zu schicken oder Schulden zu bezahlen. Aber es muss in einem ganz anderen Umfang als bisher geschehen, damit die Integration funktioniert.

Momentan gibt es viel zu viele Hindernisse. Das Angebot an Sprachkursen ist mangelhaft. Wenn einem Flüchtling ein Job winkt, muss geprüft werden, ob theoretisch ein anderer Kandidat aus der EU infrage kommt. Und Unternehmen, die Migranten als Praktikanten oder Lehrlinge aufnehmen, benötigen Unterstützung. Es dauert oft ein Jahr, bis Asylanträge entschieden werden. Keine Firma weiß, worauf sie sich mit einem Kandidaten in der Zwischenphase einlässt.

Ob die Integration der vielen Flüchtlinge gelingt, entscheidet sich jetzt, an solchen Detailfragen. Deutschland kann dabei viel falsch machen.

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