Arbeit für West-Konzerne Frau wirft Neckermann und Quelle DDR-Häftlingsarbeit vor

24 Schlafplätze in einer Zelle von 30 Quadratmetern: Unter schlimmen Lebensbedingungen im Frauenknast will eine DDR-Gefangene Bettdecken genäht haben - für die die West-Firmen Neckermann und Quelle. Neben dem Möbelkonzern Ikea treffen solche Vorwürfe nun auch deutsche Firmen. Ein ehemaliger Häftling erwägt nun, von Ikea Entschädigung zu fordern.

Nach dem Möbelkonzern Ikea gibt es gegen weitere westliche Unternehmen Vorwürfe wegen der angeblichen Beschäftigung von DDR-Häftlinge. Eine Gefangene soll für die Versandhäuser Quelle und Neckermann Bettbezüge genäht haben, berichtet das Handelsblatt.

"Zwischen 1974 und 1976 habe ich Bett- und Kopfkissenbezüge für den VEB Planet genäht", sagte eine ehemalige Gefangene dem Blatt. "Diese Bettwäsche habe ich nach meiner Entlassung bei Quelle und Neckermann gefunden." Für 192 Stunden Arbeit im Monat habe sie damals 345 Ostmark erhalten, sagte sie.

"Meine Zelle war 30 Quadratmeter groß, hatte 24 Schlafplätze. Es gab drei Wasserhähne und nur eine Toilette." Sie schildert schlimme Zustände im Frauengefängnis. "Manche Häftlinge haben wegen der Misshandlungen auch die Arbeit verweigert oder sind in den Hungerstreik getreten. Dann wurde im Einzel- oder strengen Arrest das Wasser abgedreht: Dunkler Keller, 200 bis 300 Gramm Brot pro Tag, jeden vierten Tag eine warme Suppe."

Der schwedische Fernsehsender SVT machte zuletzt auf die Beschäftigung von DDR-Gefangenen für West-Konzerne aufmerksam. Der Sender berichtete von Insassen, die in den 70er- und 80er-Jahren Produkte für das schwedische Möbelhaus Ikea gebaut haben sollen.

Ein weiterer ehemaliger Gefangener wurde im vergangenen Herbst von SVT kontaktiert. Da "wurde mir klar, dass die Teile, die ich damals im Gefängnis herstellte, tatsächlich aussahen wie das, was ich dann Jahre später bei Ikea im Regal fand", sagte er der Zeitung.

Die Bedingungen, unter denen er im DDR-Betrieb Mewa Schrankscharniere, Türgriffe und Stuhlroller hergestellt habe, seien "menschenunwürdig" gewesen, sagte der ehemalige Gefangene. "Ikea soll ehrlich sein und sagen, wie viele Zwangsarbeiter genutzt wurden", sagte er. Wenn der Konzern einen wirtschaftlichen Vorteil von diesem Arrangement gehabt habe, "dann sollte man auch über Entschädigung sprechen".

Dass DDR-Häftlinge nicht nur für Ikea arbeiteten, schrieb auch Opfervertreter Rainer Wagner am Donnerstag in einem Brief an das schwedische Unternehmen. Er ist Bundesvorsitzende der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft. Der Dachverband der SED-Opfer will wegen eines möglichen Arbeitseinsatzes von politischen Gefangenen in der DDR für Ikea auf die Möbelkette zugehen. "Es ist schlimm, dass Ikea damals Zwangsarbeiter in den DDR-Gefängnissen als billige Arbeitskräfte benutzt hat", sagte Wagner. Allerdings sei Ikea das erste Unternehmen, das sich dieser Tatsache stelle. "Deswegen haben wir das Unternehmen zu einem Dialog eingeladen", schrieb Wagner.

Ikea soll auch - mit dem Umweg über die DDR - Produkte verkauft haben, die in kubanischen Gefängnissen hergestellt wurden. Ikea hatte bereits im Verlauf der Woche angekündigt, die Vorwürfe zu überprüfen.