Abgas-Skandal VW-Ingenieure manipulierten aus Angst vor Winterkorn

Der frühere VW-Chef Martin Winterkorn auf der Automesse IAA: Er wollte die CO₂-Emissionen bis 2015 um 30 Prozent senken.

(Foto: AFP)
  • Die neuesten Informationen zum Abgas-Skandal hat ein VW-Mitarbeiter selbst ans Licht gebracht.
  • Nicht zu erreichende Vorgaben des ehemaligen Chefs Martin Winterkorn haben demnach zu den Manipulationen geführt.
  • Für den Whistleblower soll eine Art Kronzeugenregelung greifen.
Von Max Hägler, Stuttgart, und Michael Bauchmüller, Berlin

Die jüngsten Abgas-Manipulationen bei Volkswagen hat offenbar ein Ingenieur aus dem eigenen Unternehmen ans Licht gebracht. Es habe sich ein Mitarbeiter gemeldet mit Informationen zum manipulierten Kohlendioxidausstoß, hieß es am Sonntag aus dem Konzern. Das Unternehmen habe die Informationen geprüft und dann an die Öffentlichkeit gebracht.

Nach Informationen der Bild am Sonntag liegen der Konzernrevision mittlerweile mehrere entsprechende Aussagen von Mitarbeitern vor. So hätten hinter den Manipulationen auch Vorgaben des ehemaligen VW-Chefs Martin Winterkorn gestanden, der die CO₂-Emissionen der VW-Motoren bis 2015 um 30 Prozent senken wollte. Dies habe sich technisch nicht machen lassen. Deshalb habe man Tests manipuliert, etwa durch höheren Reifendruck und Beimischungen im Motoröl.

USA verwehren VW-Manager die Ausreise

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Vergangenen Dienstagabend hatte der Wolfsburger Konzern über "Unregelmäßigkeiten" bei der Bestimmung des offiziellen CO₂-Wertes berichtet. 800 000 Fahrzeuge sind betroffen, davon rund 200 000 in Deutschland. Vor der Bekanntgabe der neuen Manipulationen hatten sich Vorstandschef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch in Berlin unter anderem mit Kanzlerin Angela Merkel getroffen, um sie vorab zu informieren. Sie habe die neuen Nachrichten besorgt aufgenommen, heißt es bei VW - nicht zuletzt wegen eines möglichen Jobabbaus infolge der Abgasaffäre. Auch Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) sei vorab informiert gewesen, hieß es aus dem Wirtschaftsministerium.

"Dieselausschuss" tritt in Wolfsburg zusammen

Viel Hilfe verspricht sich das Unternehmen aber offenbar nicht: Angesichts der jüngsten Verfehlungen werde die Bundesregierung Volkswagen kaum in Schutz nehmen können, hieß es in Unternehmenskreisen. Neben den Manipulationen von Abgastests in Europa musste der Konzern zuletzt einräumen, in Millionen Diesel-Fahrzeugen eine Software eingebaut zu haben, mit der sich Stickoxid-Emissionen senken lassen - aber nur während der Labortests.

Noch am Sonntagabend sollte in Wolfsburg zudem der "Dieselausschuss" des Aufsichtsrats unter Leitung des Miteigentümers Wolfgang Porsche zusammentreten. Der Ausschuss soll erfahren, was Befragungen von Mitarbeitern in den USA bisher ergeben haben. Große Neuigkeiten seien dabei nicht zu erwarten, heißt es aus der Konzernspitze. Allerdings bedeute das nicht, dass schon ein Schlussstrich gezogen werden könne: "Wir wissen noch nicht, ob alle großen Verfehlungen auf dem Tisch sind."

Kronzeugenregel für Whistleblower

Für den Whistleblower des CO₂-Falls will Volkswagen zu einer Art Kronzeugenregelung greifen. Dem Ingenieur drohten keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen, hieß es in Wolfsburg, auch wenn er selbst an Manipulationen beteiligt gewesen sein sollte. Derweil geht die Suche nach Lösungen weiter. In dieser Woche werden VW-Ingenieure dem Kraftfahrtbundesamt Lösungen vorstellen, mit denen betroffene 1,6-Liter-Dieselmotoren abgas- und schadstoffärmer laufen sollen. Dafür sind neue Katalysatoren nötig. Die Flensburger Behörde muss sie allerdings erst genehmigen.

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