Höflichkeit Die Rückkehr des Gentleman

Galant ja, aber ohne Hintergedanken und trotzdem cool: Schauspieler Joseph Gordon-Levitt geht Kollegin Shailene Woodley beim Filmfestival von San Sebastian zur Hand

(Foto: Juan Naharro Gimenez/Bildbearbeitung: SZ.de)

Küss die Hand! Populistischer Unflat und rohe Muskelspiele werden gerade salonfähig. In solchen Zeiten besteht dringender Bedarf an einem neuen, zivilisierten Männervorbild: dem Gentleman.

Von Max Scharnigg

Der erste Beweis ist schnell geführt. "Er ist ein Gentleman", sagte Melania Trump zur Verteidigung ihres Mannes auf dem Höhepunkt seiner "Pussygrab"-Affäre im vergangenen Herbst. Nun, das ist Trump aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Ein Mann, der 70 Jahre alt wird, ohne dass eine nennenswerte, uneigennützige Wohltat oder auch nur außerordentliche Höflichkeit von ihm überliefert ist, kann ein guter Unternehmer, auch ein solider Mensch und möglicherweise sogar ein Präsident sein. Aber kein Gentleman.

Offenbar herrscht also Unklarheit über die Bedeutung des Begriffs, was nicht verwunderlich ist. Er kommt aus einer Schublade, die etwas Staub angesetzt hat und in der auch die alten Figuren Snob und Dandy liegen, vielleicht auch noch die ältlichen Bonvivants und Privatiers. Geht es nach dem Klischee, hat der Gentleman von all diesen oberflächlichen Rollen das beste Korn in sich. Seine herausragende Eigenschaft aber ist keine äußere, sondern eine verinnerlichte - eine souveräne Haltung gegenüber der ganzen Welt und eine grundsätzliche Freundlichkeit gegen jedermann, ohne Ansehen der Person und gleich in welcher Situation.

Rainer Erlinger über die Höflichkeit

Ist sie die relevanteste oder eine wertlose Tugend? Rainer Erlinger klärt die Beziehung der Höflichkeit zu Religion, Mode, Internet... mehr ...

Über den verstorbenen Roger Willemsen war in einem Nachruf zu lesen, dass er die Fähigkeit hatte, jedem, den er traf, mühelos ein gutes Gefühl mit auf den Weg zu geben. Er hatte für jeden sozusagen ein eigenes, verschwörerisches Zublinzeln übrig. Wer einem fremden Menschen, ohne es zu müssen, einen solchen kurzen Glücks-, Wärme- oder Trostmoment verschafft, hat schon sehr nah am Gentleman gebaut. Man kann diese Gabe trainieren, einfacher ist es, sie früh anerzogen oder vorgelebt zu bekommen.

Deswegen wohl wird der Gentleman auch so häufig in der Nähe der Aristokratie vermutet, weil dort in der Erziehung gemeinhin noch mehr Wert auf sauberen Umgang mit Menschen und zumal solchen aus anderen Schichten gelegt wird. Es zeichnete einen Gutsherrn schließlich seit jeher aus (und war ökonomisch wichtig), wenn er mit den Menschen im Dorf, den Bauern und Politikern sprechen konnte, ohne dabei unter Dünkelverdacht zu geraten. Die Freundlichkeit des wahren Gentleman, der natürlich ebenso ein Taxifahrer oder Hoteldirektor sein kann, geht noch weiter: Sie ist absichtslos und steht nicht im Dienst einer Geschäftstüchtigkeit, eines Flirts oder einer Verhandlung.

Als zwischenmenschlicher Diplomat ist er jederzeit auf Ausgewogenheit und Gerechtigkeit bedacht, er tritt niemals dominant auf, ist nicht nachtragend, spricht ungern über sich und bleibt am liebsten unauffällig, ohne dabei schüchtern zu sein. Er beherrscht die Kunst der verstellbaren Augenhöhe, auf der er sich mit jedem treffen kann.

Auch das spricht übrigens alles gegen einen Gentleman Trump und für seinen Amtsvorgänger. Eine oft zitierte Definition stammt von dem Autor John Henry Newman, nach der ein Gentleman insgesamt jemand sei "der niemals Schmerz zufügt".

Gerade im Netz sind kontrollierte Menschen gefragt

Heute aber hat der Gentleman vielleicht ein Update nötig. Es wäre fatal, wenn der Eindruck entstünde, er wäre nur noch eine Kostümrolle aus einem Schwarz-Weiß-Film. Nein, gerade in einer Zeit, in der Rüpelei und Beleidigtsein, populistische Unflat und rohe Muskelspiele wieder zu den Stilmitteln gehören, besteht dringender Bedarf an einem zivilisierten Männerbild. Denn der Gentleman ist mit seiner Haltung und seiner wohlwollenden Klarsicht auch immer Inbegriff der Kultiviertheit und Zierde seiner Zeit. Aber was würde ihn in der Gegenwart auszeichnen?

Zwei Punkte irritieren heute am klassischen Gentleman. Er ist zum einen sehr analog, zum anderen sehr heteronormativ und geschlechtsfixiert. Den Mann trägt er nun ja schon im Namen, es wäre aber angebracht, darüber nachzudenken, ob der Gentleman nicht auch eine Frauenrolle sein könnte, oder noch eher: eine UnisexLebensart. Dagegen ist nichts einzuwenden, wäre da nicht der leise Verdacht, dass viele Gentleman-Eigenschaften an Frauen ohnehin als normale Wesenszüge gelten. Das sanfte, sozial-emotionale, intelligente Wesen, dem grundsätzliche an Harmonie und Respekt gegenüber jeder Kreatur gelegen ist und das sich nicht immer in den Mittelpunkt spielen will? Klingt nach Klischee-Frau. Erst am Hetero-Manne scheint diese Ausstattung zu kontrastieren und damit bemerkenswert. Seit das andere Geschlecht nicht mehr beschützt werden muss, fällt zudem ein prominentes Aufgabengebiet weg. Zum Türaufhalten reicht ein Galan, damit ist ein Gentleman unterfordert.