Hipster und das iPhone Von Apple veräppelt

Apple und das iPhone gehören schon lange nicht mehr den Hipstern allein. Gleichzeitig gibt es immer noch kein Telefon, das cooler ist. Für Trendsetter ein schier unlösbares Dilemma: Sollen sie den Fixie-Weg gehen oder doch in den sauren Apfel beißen?

Eine Stilkritik von Lena Jakat

Fast ist mir beim Zähneputzen die Bürste aus dem Mund gefallen. Durchs offene Badezimmerfenster dringt die Unterhaltung zweier Mädchen herein, Teenies auf dem Schulweg. "Ich kriege 160 Euro Taschengeld. Ist jetzt auch nicht die Welt." 160 Euro? Das ist selbst nach zwei Monaten Bravo- und Gummischlangen-Abstinenz zwar noch nicht ganz die Welt, immerhin aber schon fast ein iPhone. 369 Euro kostet das günstigste in Deutschland offiziell erhältliche Modell.

Wenig später, mit geputzten Zähnen in der S-Bahn, deren Fahrgäste durchaus als repräsentativer Ausschnitt der Gesamtgesellschaft gelten können, erblicke ich: Dicke Kinderfinger, die lustlos auf Retina-Displays herumpatschen. Weiße Ohrstöpsel, die aus den Kragen von Versicherungsvertreterhemden kriechen. Mehrfarbige Acrylnägel, die über zerbrochene Frontscheiben fahren. Hatte nicht mal jemand versprochen, dass dieses Telefon hip ist und hip macht?

Es ist das Versprechen, das Millionen Menschen weltweit kaufen, wenn sie ein paar hundert Euro für ein technisch mittelmäßiges Smartphone hinblättern: "Du bist jung und modern, die Leute bewundern deine Coolness und schätzen deinen Geschmack. Du gehörst zu einer Elite der Ästheten und High-Performer." Als Argumente fährt Apple coole schöne Menschen auf, die in coolen schönen Clips Werbung für die Produkte machen: Gisele Bündchen, Zooey Deschanel oder Martin Scorsese.

Die Hälfte aller jungen Menschen entscheidet anhand des Images, das eine Marke genießt, was sie anziehen, wo sie ihre Burger essen - und womit sie telefonieren und ihre SMS und E-Mails schreiben.

2001 machte Steve Jobs den iPod und sah, dass er gut war. In den elf Jahren, die seitdem vergangen sind, ist das Image des Computer-Konzerns Apple zu einem der begehrtesten aller Zeiten geworden; laut Analyse des Marktforschungsunternehmens Millward Brown ist die Marke rund um den angebissenen (bite, beit, byte) Apfel die wertvollste der Welt. 183 Milliarden Dollar soll sie schwer sein. Davon ließe sich 75,5 Millionen Jahre lang das Taschengeld des verwöhnten Mädchens aus meiner Nachbarschaft finanzieren.

Weiße Kopfhörer beweisen Konsumtauglichkeit

Die eleganten Geräte des Konzerns, allen voran solche, die in die Hosentasche passen, sind in den vergangenen Jahren für Hipster zum zwingenden Accessoire geworden, weitaus zwingender als es die Rucksäcke mit Lederböden und die Sporthosen mit Knöpfen am Bein waren, als ich selbst noch zur Schule ging. Als Beweis für die Konsumtauglichkeit reichten zwischenzeitlich (zumindest bevor alle ständig ihre Telefone antatschten), schon die runden weißen Kopfhörer. Deren Kultstatus lässt sich daran ablesen, dass man sich die Stöpsel sogar schon als Schmuckstück ums Handgelenk winden kann.

Wenn aber so viele Menschen an das Coolness-Versprechen von Steve Jobs und seinem Nachfolger glauben - oder darauf hereinfallen -, dann wird aus den Produkten zwangsläufig Massenware. Von wegen trendbewusst. Elitärer Geschmack lässt sich ja auch nicht am Tragen von H&M-T-Shirts und beim Kaufen von Billy-Regalen ausdrücken.

Es ist ein Grund-Dilemma des Hipstertums, dass sie eigentlich längst weitergezogen sein müssen, zum nächsten hippen Produkt oder Konstrukt, bevor die große Masse sie eingeholt hat. Ein Holzfällerhemd ist unter vielen Holzfällerhemden eben kein Beleg für Individualität. Nur: Wohin weiter in diesem Fall? Die Architekten, Designer und anderen Kreativen der ästhetischen Avantgarde, die schon seit Jahrzehnten ihr sauer verdientes Geld dem einen Konzern darbringen, dürften sich regelrecht veräppelt fühlen. Inzwischen gibt es sogar eine App, die dem Nutzer schon mit ihrem Namen verspricht, cool zu werden: Sie heißt Hipster. (Genau umgekehrt funktioniert übrigens Normalize. Die App versetzt hippe Instagram-Bilder zurück in ihren Urzustand).

Was sollen die coolen Individualisten jetzt tun, da die Welt wieder einmal die Augen auf eine Veranstaltung richtet, die doch ihr eigener privater Kult bleiben sollte?

Reduzieren, reduzieren, reduzieren

Die wirklich hippen unter den Hipstern tun, was sie beim Radfahren taten: Reduzieren - bis nur das bleibt, was ganz am Anfang war; nur in neu und elegant, versteht sich. So wie beim Fixie-Fahrrad, das weder Bremsen noch Gangschaltung, noch Licht, noch Schutzbleche und erst recht keine Klingel hat. Demnach wäre ein klobiges Mobiltelefon, sperrig, mit Antenne, ohne nennenswerten Nummernspeicher, ohne Kamera und Internet, sehr wohl aber mit gutem Empfang und ordentlicher Akkulaufzeit, quasi das Fixie unter den Handys. Erste Exemplare sollen in Designerkreisen bereits gesichtet worden sein.

Alle anderen werden wohl oder übel ein weiteres Mal in den sauren Apfel beißen müssen. Denn mal ehrlich: Konkurrenten wie Nokia mögen zwar mit cool aussehenden jungen Menschen werben, aber dort, wo diese zu Hause sind, im Netz also, ernten sie dafür Hohn und Spott. Und die von Samsung machen eh nur das iPhone nach. Was also tun? Die Software ist und bleibt einfach wahnsinnig intuitiv - und dann diese Kompatibilität ... ein Dilemma.

Für alle, die in dieser lebenswegweisenden Entscheidung noch mit sich hadern, sei ein neues hippes Produkt ans Herz gelegt: Eine Hülle, die aus dem iPhone ein Nokia 3310 macht, das Handy, mit dem im Jahr 2000 alle telefonierten, ein Jahr, bevor der erste iPod vorgestellt wurde. Das ist zwar ein bisschen wie ein Fixie mit Elektromotor. Aber das macht ja nichts.