Gabionen Warum bauen sich Menschen Stein-Käfige um den Garten?

Sieht nach Baustelle aus, ist aber eine fertige Mauer.

(Foto: Richard Bryant/imago)

Drahtkörbe, die mit Stein gefüllt und im Stecksystem beliebig erweiterbar sind? Aha. Über den seltsamen Trend zur Gabionenwand.

Von Claudia Fromme

Der US-Präsident Donald Trump baut eine Mauer an die Grenze zu Mexiko, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan will an allen Außengrenzen seines Landes Sperranlagen errichten, zwischen Israel und dem palästinensischen Westjordanland steht ein fast neun Meter hoher Wall.

Unmöglich, befinden viele auch in diesem Land der gewesenen Mauer - und errichten selbst eine. Dort, wo früher Holzzäune und Hecken standen, hat sich ein neues gartenarchitektonisches Statement breitgemacht: die Gabionenwand. Das sind Drahtkörbe, die mit Stein gefüllt und im Stecksystem beliebig erweiterbar sind. Bekannt sind die Steine im Käfig vor allem aus der Hangsicherung in Weinbergen oder als Lärmschutz an Autobahnen.

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Die Gabionen stammen aus Italien, ihr Name stammt von "gabbione" ab, italienisch für "großer Käfig". Bereits im Mittelalter waren die Körbe im Einsatz, wobei sie da noch aus Weiden geflochten waren und als militärisches Bollwerk gegen Feinde dienten. Wenn man sich heute in Gartenforen im Internet umsieht, ist die Wortwahl ratsuchender Hobbygärtner eine, die an den Ursprung der Korbmauern erinnert. Es geht um den "Sichtschutz gegen neugierige Blicke", um eine "Abtrennung zum Nachbargrundstück". Es ist von "Abgrenzung" die Rede, davon, "endlich Ruhe" zu haben. Von Ästhetik oder davon, den Garten zu "verschönern" schreiben Hausbesitzer vergleichsweise weniger.

Dabei tritt die Gabione im Handel demokratisch auf und ist gewiss kein Trend der Marmeladensiedlung, die ja so heißt, weil deren Bewohner wegen des spitz kalkulierten Kredits sich statt Wurst nur Marmelade auf dem Brot leisten können und eigentlich kein Geld hatten für ein Haus. Es gibt zehn Meter Gabionenwand in einem Meter Höhe für 938 Euro bei Versendern wie Zaun24.de, aber auch Manufactum bietet Steinkäfige an. Etwa als Gabionenkräuterspirale für 328 Euro. Steine sind in den Preisen noch nicht enthalten, die taugen mehr zur Distinktion. Flussgewaschener Carrara-Marmorkiesel kostet dabei deutlich mehr als Quarzsandstein.

Gerd Jung ist Architekt und Stadtplaner, seit mehr als 35 Jahren befasst er sich mit Gabionen, seit etwa zehn Jahren diagnostiziert er, dass sie verstärkt auch im privaten Bereich verbaut werden. Woher kommt das Interesse an den Käfigen? "Gabionen sind leicht aufzubauen durch das geringe Gewicht der Gitter", erklärt der Fachmann, zudem könne das Füllmaterial in kleinen Mengen transportiert und verfüllt werden. Für den Aufbau brauche man keine Maschinen, auch an unzulänglichen Stellen könnten sie gebaut werden.

Ein Anruf beim Erfinder der modernen Gabionen, der italienischen Firma Maccaferri, zeigt, dass der Absatz stimmt, weltweit sind Gabionen gefragt. In die schönsten Worte fasst es Axel Friedhoff, Gründer von Best Gabion Rothfuss, im Trierischen Volksfreund: "Das brummt wie Schwein."

Es ist aber auch so, dass Gabionen nicht nur Freunde haben. Im Internet wettern Naturmauernvertreter gegen die "Schotter-Lobby", und man muss schon sagen, dass die Füllsteine in den Drahtbehältnissen bisweilen so wirken, als seien sie vom Baulaster gefallen, und bald kommt dann einer, der irgendetwas damit anfängt.

"Der leicht industrielle Charme ist eine nette, alternative Spielerei"

Kommunen verbieten zunehmend die Drahtkorbmauern bei privaten Einfriedungen, weil sie mit ihrem martialischen Auftritt im Ortsbild zu wuchtig erscheinen. Immer wieder kippen zudem Wände um, auch auf städtischem Grund. Ingenieur Jung, der in verschiedenen Arbeitskreisen zum Thema mitgearbeitet hat, rät daher, Montage und Befüllung jenen zu überlassen, die Ahnung von Statik haben.

Jonas Reif, Landschaftsarchitekt und Chefredakteur der Zeitschrift Gartenpraxis ist kein Mensch, der sich Gabionen ins Grün stellen würde, aber er versteht, was andere daran finden. "Viele stellen sich eine Gabionenwand als Modeobjekt in den Garten, der leicht industrielle Charme ist für sie eine nette, alternative Spielerei." Was viele aber nicht bedächten, ist, dass selbst Gartentrends nicht sonderlich langlebig seien und einbetonierte Gabionen nicht schnell abgebaut werden könnten. Die Gabione, sagt Reif, sei eigentlich schon wieder durch.

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