Fashionspießer zum Retro-Bikini Verteidigung der Nabelschau

Bondgirl Ursula Andress hat den Bauchnabel einst aus den keuschen Einteilern befreit. Dass manche Bademodendesigner ihn jetzt wieder einsperren wollen, ist schlichtweg falsch.

Von Lena Jakat

Honey Rider wringt das Wasser aus ihrem langen, vom Karibischen Meer ausgebleichten Haar und fängt an zu singen. Sie singt davon, wie sie mit ihrem Liebsten ach so gerne unter einem Mangobaum sitzen und den Mond anschauen möchte. Die passende Abendgarderobe für eine schwül-romantische Tropennacht hat sie da schon an: einen weißen Bikini.

Mit ihrem Auftritt am Strand der fiktiven Insel "Crab Key" hat Ursula Andress 1962 als das Bondgirl schlechthin nicht nur Film-, sondern auch Modegeschichte geschrieben. Bis sie als moderne Version von Boticellis Venus aus dem Meer auftauchte, galt der Bikini als geschmacklos, als sündig und verwerflich. Nach den Miss-World-Wahlen in London 1951 wurde das fünf Jahre zuvor erfundene Kleidungsstück bei Schönheitswettbewerben verboten. Mehrere Länder, darunter Australien, Italien und Belgien, verbannten den Bikini von ihren Stränden. Doch der Bikini war nicht mehr wegzudenken. Andress räumte mit ihrem Auftritt schließlich die letzten moralischen Felsbrocken weg und machte dem Zweiteiler den Weg frei für eine endlose Erfolgsgeschichte.

Die Muscheltaucherin aus "Dr. No" hat sich um die weibliche Emanzipation also durchaus verdient gemacht. Honey Rider, ausgerechnet - sonst ja nicht gerade eine Ikone des Feminismus ("Suchen Sie Muscheln?" - "Ich werde Ihnen Ihre Muscheln schon nicht stehlen."). Nach Jahrhunderten, in denen Frauen sogar am Strand in vielen Lagen Stoff geschwitzt hatten, war der Bikini der letzte Schritt zur Befreiung aus überkommenen Kleiderkonventionen. Andress hat ihn vollendet und der Welt den Blick auf samtweiche Frauenbäuche, auf goldene Härchen auf sommerbrauner Haut und auf den Bauchnabel geschenkt.

Girls, Girls, Girls

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Ob es ohne den Bikini Bauchnabelpiercings, Steißgeweihe und Französinnen gegeben hätte, die für Bier werben, das im Nabel prickelt? Vielleicht nicht. Wir trügen die Ringe wohl noch immer in der Nase, die Tattoos auf dem Oberarm und "Arald" wäre bis zu seinem Lebensende wohl ein einsamer Junggeselle geblieben.

Jetzt kann, wer mag, all diese Dinge sowieso geschmacklos finden und als popkulturellen Ramsch abtun. Aber muss man deswegen gleich jenen mühsam erkämpften Streifen nackter Haut zurückdrängen, um die Körpermitte wieder wie früher unter reichlich Stoff verstecken? Genau das tun derzeit nämlich etliche Designer: Mit dem Bauchnabel stopfen sie die Verdienste von Andress und den anderen Bademode-Rebellinnen der Sechziger in die Bikinihose und ziehen den Bund bis fast unter die Brust.

Im Ergebnis sieht das dann aus wie ein identitätsgestörter Nierenwärmer, der doch lieber ein Neoprenanzug geworden wäre. Was erst auf den zweiten Blick überhaupt noch als Zweiteiler zu erkennen ist, nennt sich dann Retro-Style-, High-Waist oder Pin-up-Bikini. Ein Bikini, der aus mehr Stoff als nackter Haut besteht. Bitte? Das ist ein bisschen wie bodenlange Ethnoröcke und Walle-walle-Shirts: Fehlgeleitete und noch dazu nur selten attraktive Keuschheitsmontur. Wer seinen Bauch verstecken will, ist mit dem hochgeschnittenen Zweiteiler sowieso schlecht beraten, der die komplexbeladenen Rundungen allenfalls ein bisschen anders zurechtquetscht.

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Vor allem aber tut diese Bademode so, als hätte es Honey Rider nie gegeben. Sie widerspricht dem Sinn des Bikinis zutiefst. Denn der ist nun mal itsy bitsy teenie weenie und nicht zeltartig schon in Größe 36. An alle Frauen: Streckt eure Sixpacks in die Sonne, lüftet eure Polster und lasst die Röllchen von der Meeresbrise umwehen! Werft die Riesen-Hosen fort und, wenn ihr wollt, auch die zwickenden Oberteile gleich mit!