David LaChapelle Sein Land ist abgebrannt

David LaChapelle, damals noch mit Schnauzer, bei einer Presseführung durch seine Ausstellung "After the Deluge" in Rom 2015.

(Foto: AFP)

David LaChapelle war der Fotograf, der den Konsum- und Körperfetischismus der Jahrtausendwende auf den Punkt brachte. Dann nahm er das Geld und erkaufte sich die Freiheit.

Von Tanja Rest

Die Legende geht so: Der heißeste Superstarfotograf des Planeten und die größte Diva des Pop telefonieren miteinander. Er will etwas, das sie nicht will, oder umgekehrt, jedenfalls ist die Diva stocksauer und brüllt ihn an. Er müsste sich jetzt eigentlich in die Hosen machen vor Angst - denn dies ist keine Geringere als Madonna am anderen Ende der Leitung. Es stellt sich aber heraus, dass dort, wo bei einem vernünftigen Menschen die Angst sitzen sollte, bei ihm nur noch Langeweile und Überdruss sind, und nicht nur Madonna betreffend. Es ist ein alles und alle umarmender Überdruss, die Stars, die Models, die Agenten, die Editors, das ganze hysterische Gelichter und Gewimmel, es ist ihm auf tödliche Weise gleichgültig geworden, und als er das kapiert: Legt er auf.

Ende 2006. "I hung up on her." Dass Madonna mit ihm das Video zu "Hung up" drehen wollte, ist in dieser Geschichte eine kleine, elegante Pointe.

Legende wie gesagt, denn genau so wird es nicht gewesen sein. Die ehemalige Nudistenkolonie zum Beispiel, ein Stück Dschungel auf der Hawaii-Insel Maui, hatte er schon Monate zuvor gekauft mit dem Gedanken, vom immer schneller dahinrasenden Zug seiner Karriere abzuspringen. Auch wurden die Stars launischer und die Magazinleute schmallippiger, seine Fotos waren ihnen zu krass geworden. Ein Schimmel, der an der nackten Brust von Angelina Jolie leckt: ging gerade noch. Aber Models, die vor zerborstenen Häusern und Sandsäcken posieren - Wochen, nachdem Hurrikan Katrina New Orleans verwüstet hatte? Unmöglich, fand die italienische Vogue. Es war also, wie man so sagt, ein Häuflein Mist zusammengekommen.

Gisele Bündchen, als geile Hausfrau mit High Heels im Blumenbeet

Wahr aber ist, dass David LaChapelle Ende 2006 von der Bildfläche verschwand. Mit ihm verpufften all die infernalischen Titel und Modestrecken von Rolling Stone, Interview, Vogue, Vanity Fair, die dann wieder von den Testinos, Meisels und Leibovitzen bespielt wurden, und seither sehen die Celebrities wieder so sauber aus, wie es sich für den Hochadel des 21. Jahrhunderts geziemt. Ende der Geschichte.

Hat er die Entscheidung je bereut? Er schaut einen an, als habe man sie nicht mehr alle. "Machen Sie Witze? Ich war ganz oben. On top. Ich habe mehr verdient als jemals zuvor, aber Geld war nie die Motivation. Ich habe also das Geld genommen und mir die Freiheit gekauft."

Zehn Jahre später sitzt LaChapelle, 53, in einer Backsteinhalle im Londoner Stadtteil Shoreditch auf einem Sofa. Abends soll hier die Party steigen zum Start der neuen Diesel-Kampagne, Naomi Campbell wird erwartet, Diesel-Chef Renzo Rosso, die Modemeute. Und nicht zuletzt er selbst. An den Wänden klebt eine Fotocollage attraktiver junger Jeans-Menschen, die einen regenbogenbunten Aufblaspanzer durch eine Mauer schubsen, in der ein herzförmiges Loch klafft. LaChapelle hat diese Fotos gemacht. "Make Love not Walls", heißt der Slogan. Die Diesel-Leute werden ihn beim Dreh im Oktober 2016 nicht ganz so politisch gemeint haben, wie er im März 2017 geworden ist. Jetzt führt er direkt ins Weiße Haus.

Ach, London

Elf Fotografen haben für uns ihre Lieblingsorte in London in Szene gesetzt. Diese verraten, was das Lebensgefühl in der Stadt ausmacht - und wo London seine besonders schöne oder raue Seite zeigt. mehr ... SZ-Magazin

Frage an ihn also gleich mal: Wie würde er Trump inszenieren? Da explodiert er direkt. "Nie im Leben hätte ich gedacht, dass dieser Idiot Präsident sein würde! Ihn fotografieren, warum? Ich meine, er sieht lächerlich aus, allein die Hautfarbe ist doch total irre. Er sieht wie ein beschissener Clown aus! Was soll ich zu diesem Bild hinzufügen, es ist ja alles schon da. Der Mann ist eine übertriebene Parodie der Gier."

LaChapelle wiederum ist der Inbegriff von Vielfalt. Amerikanischer Sohn einer litauischen Mutter und eines frankokanadischen Vaters, seine Muse Amanda Lepore ist transsexuell, sein Boyfriend Mexikaner. In der frühen Clinton-Ära hat er, ebenfalls für Diesel, den Kuss zweier Matrosen der Navy inszeniert, und das hat einen Skandal gegeben, wie er lauter und schöner nicht hätte sein können. 1995 war das, wenig später hatte er Sarah Jessica Parker in Spitzenwäsche vor der Kamera ("Sex and the Subway").

Seine Zeit brach an.