Zweite Liga Holstein macht Fußball zur Nummer eins in Kiel

Auch wenn spielerisch mal nicht überzeugend, gewinnt Holstein Kiel trotzdem: so wie am Samstag beim 2:1 gegen Bielefeld.

(Foto: dpa)
  • Die Fußballer von Holstein Kiel stehen derzeit gegen alle Erwartungen auf einem Aufstiegsplatz in der zweiten Liga.
  • Die Störche überzeugen mit ansehnlichem Offensivfußball und gewinnen immer öfter auch umkämpfte Spiele - wie am Samstag gegen Bielefeld.
  • Inzwischen hat das Überraschungsteam der zweiten Liga bei der Beliebtheit in der Stadt mit den Weltklasse-Handballern des THW gleichgezogen.
Von Peter Burghardt

Gelegentlich muss Markus Anfang kurz daran erinnern, was in Kiel eigentlich los ist. Was dieser Fußballklub KSV Holstein gerade für eine sagenhafte Geschichte erlebt. "Man darf nicht vergessen, wir sind Aufsteiger", spricht der Trainer am Samstagnachmittag nach dem schwer erkämpften 2:1-Sieg gegen Arminia Bielefeld, der den zweiten Tabellenplatz über diesen Spieltag hinaus gesichert hat. "Wir waren 36 Jahre lang nicht in der zweiten Liga. Man muss die Jungs auch mal loben. Das ist nicht normal, was da passiert."

Er sitzt im engen Presseraum unter der Haupttribüne im Holstein-Stadion am Kieler Nordfriedhof, das mit seinen Säulen in den niedrigen Tribünen an alte englische Stadien erinnert. Das Flutlicht an den Masten leuchtet schon mittags schwach, es ist einer dieser grauen Tage im deutschen Norden. Die meisten der 11 200 Zuschauer haben sich trotzdem wieder bestens gelaunt die Seele aus dem Leib geschrien. Denn Markus Anfang, 43 Jahre alt und selbst erst seit 14 Monaten Trainer einer Profimannschaft, zeigt der Hauptstadt von Schleswig-Holstein, wie schön diese Sportart Fußball sein kann.

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Fußball ist in Kiel derzeit beliebter als der Weltklasse-Handball des THW

Jahrelang war die Attraktion der 250 000-Einwohner-Stadt an der Kieler Förde ja der Handball gewesen. Der THW gewann alles, was ein Klub in dieser Disziplin gewinnen kann. Meisterschaft, Champions League und so weiter - im Handball ist Kiel Weltklasse, die meistens ausverkaufte Sparkassen-Arena steht wie ein Monument im Zentrum. Neuerdings allerdings schwächelt der THW. Das gegenwärtig populärste Kürzel an der Ostseebucht mit ihren Fähren, Kreuzfahrtschiffen und Werften lautet KSV: Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900. Fußball.

Seit 1981 hatte der Verein die Spielfelder der zweiten Liga nicht mehr betreten, kein Spieler aus dem aktuellen Kader war damals schon geboren. Die Rückkehr wäre beinahe bereits 2015 gelungen, damals scheiterte Holstein Kiel in der letzten Sekunde der Relegation an 1860 München. Im Sommer 2016 kam dann Markus Anfang. Der Rheinländer hatte unter anderem im Mittelfeld von Fortuna Düsseldorf und des FC Tirol gespielt, später betreute er den Nachwuchs von Bayer Leverkusen. Mit ihm nahm ein erstaunlicher Aufschwung seinen Lauf, unter seiner Leitung stieg Holstein Kiel, in der Saison zuvor nur 14. der dritten Liga, im Mai 2017 in die zweite Bundesliga auf. Und bricht dort seither Rekorde: Achtmal in den ersten elf Spielen hatte ein neuer Zweitligist bisher noch nie gewonnen. Rang zwei hinter Fortuna Düsseldorf. Aufstiegsplatz. Bundesliga?

Zur Not auch mit Kampf statt mit Eleganz erfolgreich

Das wird sich in den kommenden 23 Runden zeigen, nach einem zufälligen Höhenflug jedenfalls sieht diese Serie nicht mehr aus. Euphorie? "Da ist auch Nachhaltigkeit dahinter", sagt Anfang. Das war an diesem Wochenende schön zu besichtigen. In Heidenheim waren die Kieler zuvor nach Rückstand zu einem 5:3-Triumph gestürmt - das beseelte Angriffsspiel ist unter dem Novizen Anfang ihr Markenzeichen geworden. Gegen die unangenehmen Bielefelder mühten sie sich nun sogar erfolgreich - es geht zur Not also auch mit Kampf statt Eleganz. Marvin Ducksch schoss aus der Drehung das 1:0 und legte Steven Lewerenz kurz danach das 2:0 auf, das Eigentor von Kapitän Rafael Czichos war am Ende kein Problem.

Marvin Ducksch, mit seinen 1,88 Metern einen guten Kopf größer als sein Trainer, ist der große Animateur auf dem Rasen. Bei Borussia Dortmund hatte der Stürmer die Jugendnationalmannschaften von der U 15 bis zur U 18 durchlaufen, bei den BVB-Profis jedoch setzte sich Ducksch nicht durch. 2016 übernahm ihn der FC St. Pauli für läppische 250 000 Euro, auch dort fiel er wenig auf. Der leihweise Wechsel ans Meer 2017 schien dann ein weiterer Abstieg zu sein - doch er wurde zum Teil einer Erweckung. Neunmal hat Ducksch schon getroffen, der Marktwert des 23-Jährigen ist erheblich gestiegen. Euphorie? "Ich kann das mit der Euphorie nicht mehr hören", sagt auch er. Er will nicht auf einer Welle surfen, die jederzeit brechen kann. "Das ist die Qualität der Mannschaft."