WM-Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa Moskau wach geküsst

Erst Formkrise, jetzt der WM-Titel:  Jelena Issinbajewa

(Foto: dpa)

Die Russin Jelena Issinbajewa gewinnt Gold im Stabhochsprung und entfacht endlich Begeisterung unter den Zuschauern. Doch es ist nicht leicht, eine Königin zu sein. Nun legt die 31-Jährige erst mal eine Pause ein, um ein Kind zu bekommen - und wartet auf einen Heiratsantrag.

Von Thomas Hahn, Moskau

Es ist spät geworden im Luschniki-Stadion von Moskau. Die Medaillen-Entscheidungen sind gefallen, die Leichtathletik-WM ist wieder zur Ruhe gekommen, und doch ist es noch nicht Zeit, zu gehen, denn an der Stabhochsprung-Anlage steht eine Frau mit ihrem Stab und flüstert sich was zu. Jelena Issinbajewa aus Russland bereitet sich auf ihren letzten Versuch vor. Die Latte liegt auf 5,07 Meter, Weltrekord.

Jelena Issinbajewa hat das Gold sicher, mit 4,89 Metern hat sie die Amerikanerin Jennifer Suhr und die Kubanerin Yarisley Silva auf Platz zwei und drei verwiesen. Der erste Jubel über den Erfolg ist verhallt. Es war der emotionale Höhepunkt der WM in Moskau, als Jennifer Suhr ihren dritten Versuch über 4,89 vergab und Issinbajewa strahlend in die Kurve zu ihrem alten Trainer Jewgeni Trofimow rannte. Aber jetzt ist sie wieder ganz konzentriert. Alle Augen sind auf sie gerichtet, die Leute auf den Rängen warten gespannt.

Jelena Issinbajewa, 31, hat den Weltrekord dann nicht geschafft, aber das war auch gar nicht mehr wichtig. Es ging um Gold, um die Inszenierung eines besonderen Erfolgs und auch darum, diese WM wach zu küssen, die in den ersten Tagen vor schlecht besuchten Rängen ablief. Das hat alles geklappt, besser sogar als erhofft.

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Denn Jelena Issinbajewa ist ja längst nicht mehr die Akkord-Weltrekordlerin, die sie mal war. Es gab eine Zeit, in der Issinbajewa ihre Disziplin derart dominierte, dass es fast langweilig war. 2004 in Athen wurde sie erstmals Olympiasiegerin, danach siegte sie praktisch nach Belieben, steigerte Zentimeter um Zentimeter den Weltrekord, überwand 2005 in London zum ersten Mal die magische Marke von fünf Metern und zog weiter ungefährdet ihre Runden. Bis sie bei der WM 2009 in Berlin mit Salto Nullo ausschied. Sie war damals eine gute Verliererin, tapfer erklärte sie jedem, der es wissen wollte, was passiert war. Aber danach wirkte bei ihr nichts mehr so leicht wie zuvor.

Man darf davon ausgehen, dass das Leben der Issinbajewa von außen immer schon leichter aussah, als es das in Wirklichkeit war. Jelena Issinbajewa ist eine emotionale Frau, ihre Freude kann sehr laut sein, und es ist ihr großes Verdienst, dass sie mit ihrer weltoffenen Art die Mauer zwischen der weiten Welt und den etwas verschlossenen Russen zumindest an manchen Stellen aufbrach.

Sie hat den Frauen-Stabhochsprung zum Hingucker gemacht, die US-Olympiasiegerin Jennifer Suhr sagt: "Wir müssen ihr dankbar sein dafür, dass sie uns den Weg dazu geebnet hat." Aber die Herausforderung, die ewige Weltrekordlerin zu sein, hat Issinbajewa durchaus auch belastet, zwischendurch sprach sie von "vielen persönlichen Problemen". Sie ging neue Wege, zog nach der WM 2005 von Wolgograd in die mondäne Welt von Monte Carlo, wechselte von ihrem Jugendcoach Trofimow zu Witali Petrow, der einst auch den ukrainischen Weltrekordler Sergej Bubka betreut hatte, sie trainierte in Italien und versuchte ihre tiefe, komplizierte, russische Seele in Balance zu bringen.

Als die Erfolge nicht mehr kamen, wie sie sollten, zeigte Issinbajewa Mut zur Auszeit. 2011 kehrte sie in die Heimat zurück, nach Wolgograd, und zu Trofimow. 2012 in London war sie immerhin Olympia-Dritte. Und nun das: Gold bei der Heim-WM. Nach der ganzen langen Geschichte, die davon erzählt, dass es nicht leicht ist, eine Königin zu sein.