WM-Historie (9): 1982 "Ich war empört über die lasche Einstellung"

Auch mit den Italienern bekamen Sie Ärger. Staatspräsident Sandro Pertini beschwerte sich, Sie hätten ihm nach dem WM-Finale in Madrid den Handschlag verweigert. Was störte Sie an diesem liebenswürdigen Herrn von beinahe 90 Jahren?

Schumacher: Aber wirklich nichts! In meiner Enttäuschung über die Niederlage habe ich ihn auf der Ehrentribüne wohl übersehen. Das erfuhr ich einige Monate später durch eine Beschwerde beim Auswärtigen Amt. Der Fußballfan und damalige FDP-Fraktionschef Wolfgang Mischnick vermittelte, ich schrieb einen Entschuldigungsbrief nach Rom und wurde von Pertini im Quirinalspalast empfangen. "Komm' her, du großer Sportsmann", sagte er, breitete seine Arme aus, und wir fielen uns um den Hals wie alte Freunde. Das war einer der schönsten Augenblicke meiner Karriere.

Worüber hat Pertini mit Ihnen gesprochen?

Schumacher: Von einer Entschuldigung wollte er nichts mehr hören. Wir haben in wunderbar entspannter Atmosphäre über das Endspiel geredet, Italiens 3:1-Sieg analysiert, hatten eine sehr schöne junge Dolmetscherin. Mitten im Gespräch fragte Pertini: "Willst du nicht lieber mit ihr im Garten spazierengehen als hier mit mir reden?" Dabei lachte er herzhaft und zog an seiner Pfeife.

Sie waren als Torwart ehrgeizig bis zur Aggressivität. Waren Sie in Spanien besonders angespannt, weil Ihnen diese Weltmeisterschaft wie ein Albtraum erschien?

Schumacher: Ich war empört über die lasche Einstellung von Spielern, die doch, so dachte ich jedenfalls, wie ich Weltmeister werden wollten. Erst wollte ich heimfahren, dann habe ich mir gesagt: Du musst eben noch mehr trainieren, noch besser spielen, damit wir trotzdem gewinnen. Dabei habe ich sicher überdreht, mich schwer getan, die Grenzen der physischen und psychischen Belastbarkeit zu erkennen.

Was Sie in Ihrem Buch "Anpfiff" über das Trainingslager am Schluchsee im Schwarzwald schreiben, entspricht mehr dem Bild vom Mallorca-Trip eines Kegelklubs als dem von ambitionierten Profifußballern bei der WM-Vorbereitung. Wir zitieren: "Nicht selten wurde um 20.000 bis 30.000 Mark gepokert. Andere bumsten bis zum Morgengrauen und kamen wie nasse ­Lappen zum Training gekrochen. Wieder andere gossen reichlich Whisky in sich rein, schlimmer als Quartalssäufer." Irgendwie hatten wir uns Nationalspieler anders vorgestellt.

Schumacher: Mir ging das alles gegen den Strich, ich habe es nicht mitgemacht. Für die anderen war ich deswegen "anormal". Den Schluchsee tauften wir in "Schlucksee" um, und ich war heilfroh, als wir endlich abreisten. Aber in Spanien verhielt sich ein Teil unserer Truppe auch nicht disziplinierter. Nach dem Abendessen wurde gezockt. Beim Training sah man genau, wer Tausende verloren und den Kummer im Rotwein ertränkt hatte.

Wieso hat Bundestrainer Jupp Derwall nicht eingegriffen?

Schumacher: Der hat das so nicht mitbekommen. Derwall war wie ein gütiger Vater zu uns, er hatte für alles Verständnis. Und wir waren wie Kinder, die ausprobieren, wie weit sie gehen können. Wir haben ihn geliebt, nicht gefürchtet und nicht respektiert. Sanktionen gegen undisziplinierte, willensschwache oder faule Spieler gab es nie. Ich denke manchmal an sein letztes Spiel, als wir bei der Europameisterschaft 1984 gegen Spanien ausschieden. Nach dem Duschen habe ich mit ihm auf dem Platz noch eine Zigarette geraucht, obwohl ich kein Raucher war. Wir wussten beide, dass es vorbei war. Er hat mir furchtbar leid getan.

Welche Rolle spielte Paul Breitner?

Schumacher: Paul war sechs Jahre weg von der Nationalmannschaft, nach der Rückkehr 1981 übernahm er sofort das Ruder. Er trank gern seinen Rotwein, gab auf dem Platz aber immer Gas, insofern war das okay.

Kein Spiel hat Deutschland je so geschadet wie das 1:0 gegen Österreich, das beiden half und Algerien aus dem Turnier warf. Die Zuschauer in Gijón skandierten "Schiebung" und beschimpften die Spieler als "Hurensöhne", Kommentatoren sprachen weltweit von Betrug am Fußball. In Ihrem Buch heißt es: "Es gab keine Absprache, aber eine Art stillschweigendes Abkommen. Breitner hatte mir mehr oder weniger klar gesagt: Das 1:0 genügt uns." Kamen Sie sich hernach als cooler Rechner vor oder waren Sie eher beschämt?

Schumacher: Fangen wir mit dem Positiven an: Ich habe in 90 Minuten zwei Bälle auf mein Tor bekommen und beide gehalten - einen Einwurf und eine Rückgabe. Natürlich hatte ich einen dicken Hals vor Zorn über die Entwicklung eines WM-Spiels, in dem nach einer Viertelstunde die Aktivitäten weitgehend eingestellt wurden. Aber was hätte ich denn tun sollen? Mir den Ball nehmen und nach vorne stürmen? Heute wäre ein Stillhalteabkommen zu Lasten eines Dritten nicht mehr möglich, weil die entscheidenden Gruppenspiele zur gleichen Zeit stattfinden.

Die Stimmung daheim war im Keller. Sie wurde durch die Finalteilnahme nur geringfügig besser. Auch im Team brodelte es weiter. "Lass dich endlich auswechseln, du schadest uns nur", raunzte Stielike in der Halbzeit des Finals den nicht ganz gesunden Rummenigge an.

Schumacher: Wir haben doch nicht wegen Karl-Heinz Rummenigge gegen Italien verloren. Platt waren wir, ausgelutscht vom Halbfinale. Rumme­nigge war ein Weltklassestürmer, den setzt man auch ein, wenn er nur 70 Prozent bringt.

So haben Sie vier Jahre später in Mexiko nicht mehr geredet. Da wollten Sie wegen Rummenigge abreisen.

Schumacher: Weil im WM-Quartier "La Mansion Galindo" endlos darüber palavert wurde, ob er sich für seine blöd­sinnige Bemerkung von der "Kölner Mafia" entschuldigt oder nicht, habe ich schließlich gesagt: Ihr könnt mich mal!

Was meinte Rummenigge mit ­"Kölner Mafia"?

Schumacher: Dass ich Stimmung gegen ihn mache, weil ich neidisch auf seine Kapitänsbinde sei sowie die Posi­tion seiner Konkurrenten Allofs und Littbarski stärken wolle. Beckenbauer, Magath oder Völler waren über die vor der Presse erhobenen Vorwürfe genauso verärgert wie wir Kölner.

Wie man weiß, sind Sie geblieben.

Schumacher: Irgendwann hatte sich meine Wut gelegt. Auch wegen der klaren Haltung von Delegationschef Egidius Braun, als er die Sache in die Hand nahm. Wir haben alle verfügbaren Zeitungen nach angeblichen Zitaten von mir durchforstet, aber keins gefunden. Den Artikel im Spiegel, auf den sich Rummenigge hartnäckig berief, haben wir uns aus Deutschland faxen lassen. Darin war mein Name nicht mal erwähnt. Braun verlangte von Rummenigge eine öffentliche Klarstellung. Als der sich mit der Begründung weigerte, er verliere sein Gesicht, wurde Braun deutlich: "Dann muss ich dich heimschicken." Nach der WM hat mir Kalle Rummenigge in einem sehr persönlichen Brief geschildert, wie unzufrieden er in Mexiko wegen seiner langwierigen Verletzung war. Das hatte Klasse.

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