Timo Werner "Der Fußball ist eine Neidgesellschaft"

"Dann ist es vielleicht ein normaler Reflex, dass man sich als Junger auch mal eine fängt": DFB-Angreifer Timo Werner.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Fußball-Nationalspieler Timo Werner spricht im SZ-Interview über die Crux, als Wunderkind zu gelten und die hysterische Debatte um seine Schwalbe.

Von Christof Kneer

Er glaube, er habe "in jungen Jahren schon so viel durchgemacht wie andere in ihrer ganzen Karriere nicht", sagt Timo Werner, 21. Vor dem WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft in Prag gegen Tschechien spricht der junge Stürmer von RB Leipzig im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Freitag-Ausgabe) zum ersten Mal ausgiebig über die Widerstände, die er in seiner Karriere bereits überwinden musste - ganz abgesehen von der Debatte um seine sogenannte Schwalbe im Dezember 2016, über die Werner seit einiger Zeit schon nicht mehr sprechen mag.

Schon in seinen Anfangstagen im Profigeschäft beim VfB Stuttgart habe sich die Wunderkind-Nummer schnell ins Gegenteil gewendet, sagt Werner, er habe "richtig spüren können, wie das Image allmählich kippt". Am Ende sei "eine Erwartungshaltung entstanden, die man als 18-Jähriger wahrscheinlich gar nicht erfüllen kann. Ich kam ja aus der Jugend mit dem Ruf, dass ich ständig Tore schieße - aber zeigen Sie mir mal den Spieler, der 20-mal trifft, wenn man im Abstiegskampf steckt".

Werner redet auch offen über die Probleme, die ihm sein Image im Kreis der Mitspieler oder auch bei dem einen oder anderen Trainer beschert hat. Manche Kollegen oder Trainer hätten vielleicht gedacht: "Und das soll dieser Superspieler sein?" Der Fußball sei "eine Neidgesellschaft", sagt Werner über den Gegenwind, den er beim VfB gelegentlich aushalten musste, "und wenn auf einmal ein ganz Junger auftaucht, sich gegen die Älteren durchsetzt und dann auch noch von außen so hochgejubelt wird, dann ist es vielleicht ein normaler Reflex, dass man sich als Junger auch mal eine fängt, wenn's nicht läuft - egal, ob das dann von einigen Fans kommt, von Teilen der Medien, von einem Trainerteam oder auch mal von Kollegen".

Ich hatte nie eine klare Heimat auf dem Platz

Aber Werner führt auch sportliche Gründe an, warum sein Talent beim VfB nie konstant zur Entfaltung kam. "Kaum hatte ein Trainer sich mal ein Bild vom Spieler Timo Werner gemacht, war der Trainer schon wieder weg", sagt er, und erschwerend kam hinzu, dass die Bilder völlig unterschiedlich waren: "Bei Huub Stevens habe ich oft im linken Mittelfeld gespielt, fast als Linksverteidiger, bei Alexander Zorniger war ich Mittelstürmer, bei Armin Veh war ich mal Links-, mal Rechtsaußen, und bei allen kam ich auch mal von der Bank. Ich hatte nie eine klare Heimat auf dem Platz, und deshalb habe ich auch nur selten die Selbstverständlichkeit gefunden, die ich für mein Spiel brauche." In Leipzig hat er diese Heimat nun offenbar gefunden: Bei RB habe man "von Anfang an eine klare Idee von mir und meinem Spiel" gehabt.

Immerhin habe er in all den Jahren "gelernt, gegen Widerstände anzukämpfen", sagt er und meint damit nicht nur die turbulenten Stuttgarter Wunderkind-Tage, sondern natürlich auch die hysterische Debatte um seine Schwalbe, die ihm als Repräsentant des umstrittenen RB-Konstrukts bis heute vorgehalten wird. Außerdem erklärt Werner im Interview, warum er sich in Leipzig zu einem anderen, deutlich besseren Stürmer entwickelt hat - und warum er sich nun auch im Kombinationsfußball der Nationalmannschaft gut aufgehoben fühlt. Er wisse inzwischen: "Wenn ich meine Leistung bringe, kann ich ein wichtiger Faktor für diese Mannschaft werden, vielleicht schon bei der WM."

"Man ist der Junge, der sich erst mal hochdienen muss"

Leipzigs Angreifer Timo Werner erklärt, wie er sein leichtes Spiel auf die harte Tour lernen musste. Er spricht über die Neidgesellschaft im Fußball und wie er es geschafft hat, bei RB ein neuer Stürmer zu werden. Von Christof Kneer mehr...