Tennis Becker & Djokovic - Parodien, Psychotricks und filmreife Szenen

Eine von 25 Trophäen, die Novak Djokovic (links) mit Boris Becker als Mentor an seiner Seite gewann: Die zwei Tennisgrößen nach dem Turnier 2015 in Key Biscayne.

(Foto: Clive Brunskill/AFP)

Der Altmeister und der Serbe verbrachten drei erfolgreiche, aber auch lustige Tennis-Jahre miteinander. Chronik einer besonderen Partnerschaft.

Von Gerald Kleffmann

Am Dienstagmorgen hat Boris Becker ein Gruppenfoto im Internet veröffentlicht, es zeigt ihn und seine Frau in einem Londoner Restaurant. Sie sind umgeben von fröhlichen Menschen. Becker sieht gelöst aus. Zu diesem Zeitpunkt stand fest, dass der 49-Jährige nicht mehr weiter mit Novak Djokovic arbeiten würde. Am Dienstagabend gab der Serbe die Trennung der beiden bekannt, dem Vernehmen nach wollte der 29-Jährige an Becker festhalten, doch der entschied sich dagegen, weil Djokovic den als Guru bezeichneten Tennistrainer Pepe Imaz im engsten Trainerzirkel behalten will.

Eine Kollision der Philosophien gab also den Ausschlag; Marian Vajda, Djokovic' langjähriger Stammcoach, bleibt im Team. Becker strahlt dennoch eine Haltung aus, als sei er mit sich im Reinen. "Ich habe die letzten drei Jahre wirklich genossen", hatte er schon vielsagend vor einigen Tagen der Daily Mail gesagt und seine Zeit mit dem Ausnahmeprofi Djokovic als "unglaubliche Reise" geadelt. Ein Rückblick auf eine außergewöhnliche Kombination, die - wie Djokovic mitteilte - alle Ziele "komplett erfüllte".

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Der Anruf

Offiziell geben die beiden ihre Zusammenarbeit Mitte Dezember 2013 bekannt, aber sie hatten da bereits eine geheim durchgeführte Probezeit hinter sich. Djokovic war zwar ein sechsmaliger Grand-Slam-Gewinner. Aber auch einer, der sechs Grand-Slam-Finals verloren hatte. Nach der Niederlage im Endspiel der US Open 2013 gegen den Spanier Rafael Nadal rief er Becker an. Sie trafen sich zum Gespräch in Monte Carlo. "Er ist intelligent und stellt ständig Fragen", fiel Becker gleich auf. Djokovic bekannte später, er sei auf Becker gekommen, weil er von "meiner Legende lernen" wollte. Es ging darum, spielerisch und, vor allem, mental härter zu werden.

Der Dämpfer

Den ersten großen Auftritt haben sie in Melbourne. Der Test könnte kaum schwerer sein. Dreimal in Serie hatte Djokovic das erste Grand Slam des Jahres zuvor gewonnen. Er versucht es mit Spaß. Vor 15 000 Zuschauern parodiert Djokovic den neuen Coach und sagt: "Ich muss ein paar Kilo zunehmen und mir die Haare färben." Becker, umgeben von Reportergruppen wie einst in Wimbledon, das er dreimal gewann, stellt seine Gedanken vor: "Wenn jemand vorbeikommt, der mal die Nummer eins war, dann wird ihm Platz gemacht. Das bedeutet 15:0 für den Spieler", sagt er. Es gehe um "Taktik, Einstellung, Psychologie".

Dass Djokovic in diesen Punkten phasenweise Defizite hat, belegt er beim Fünf-Satz-Aus im Viertelfinale gegen den späteren Sieger Stan Wawrinka. Es folgen Wochen, in denen sich die zwei kennenlernen müssen. Wochen, die für Becker Rückschläge bereithalten. Er wird an der Hüfte operiert und erlebt aus der Ferne mit, wie Djokovic in Indian Wells glänzt und Vajda herzt. Miami gewinnt Djokovic gleich hinterher. Bei den French Open verliert er im Finale gegen Nadal die Linie und bricht ein. Der frühere australische Spitzenspieler John Newcombe ahnt, wo Gefahren im Binnenverhältnis liegen könnten: "Wenn du solche Topspieler coachst, muss dir klar sein: Du bist nicht mehr der König. Du bist der Helfer des Königs." Die Frage war: Kann König Becker die Rolle des Helfers?

Die Titel, die Djokovic mit Becker gewonnen hat

2014: sieben Titel

Masters Indian Wells, Masters Miami,

Masters Rom, Wimbledon, Peking,

Masters Paris, ATP World Tour Finals

2015: elf Titel

Australian Open, Masters Indian Wells,

Masters Miami, Masters Monte-Carlo,

Masters Rom, Wimbledon, US Open,

Peking, Masters Paris,

Masters Shanghai, ATP World Tour Finals

2016: sieben Titel

Doha, Australian Open, Masters Indian Wells, Masters Miami, Masters Madrid, French Open, Masters Kanada

kursiv = Grand-Slam-Turniere

Die Wende

Er kann. Der All England Club, Beckers Wohnzimmer, wird zum Befreiungsschlag. Becker blüht auf, findet in sein, wie er sagt, "Element" zurück, das er jahrelang sträflich vernachlässigt hatte. Tennis konnte er. Tennis erklären kann er jetzt. Er erreicht Djokovic. Becker wird in Djokovic sichtbarer. Der spielt strategischer, raffinierter. Die Körpersprache: überzeugter.

Becker spielt sein Insiderwissen aus: "Ich weiß: Montags geht der Verkehr so rum. Dienstags ist der Bäcker zu. Mittwoch ist der Park überfüllt. Das spart Zeit, Energie." Wie ein Molekularbiologe geht Becker ins Detail, um jeden Vorteil herauszufiltern. Sein Spieler triumphiert tatsächlich, Becker staunt stolz: "Der Finalsieg war der absolute Höhepunkt. Djokovic gegen Federer. Oben auf der Tribüne: Becker gegen Edberg (damals Trainer von Federer; d. Red.). So was findet doch nur in Filmen statt. Dieses Wimbledon war surreal." Sagte der, der mit 17 die Tenniswelt eroberte.