Sportsoldaten bei den Spielen in London Garanten aus der Kompanie

Mehr Training? Mehr Berufsperspektiven? Mehr Geld? Der deutsche Sport sucht bei den Olympischen Spielen in London nach Wegen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dass viele Medaillen von Soldaten gewonnen werden, zeigt nicht nur eine Lösung auf - sondern ist zugleich Teil des Problems.

Von Claudio Catuogno, London

Am Montagmorgen trat Thomas de Maizière in London im Deutschen Haus auf, der Bundesverteidigungsminister von der CDU. Kein Wunder, könnte man sagen: Wo ein bisschen etwas abfallen kann vom Glanz des Sports, sind Politiker nicht weit. Im Fall von Olympia liegen die Dinge aber ein bisschen anders: De Maizière ist auch als Dienstherr von neun Medaillengewinnern nach London gereist. Die Spiele 2012 unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht von vorherigen: Mehr als ein Drittel der deutschen Medaillen wurde bisher von Sportlern gewonnen, die als Berufsbezeichnung angeben: Soldat.

Dass das an der sogenannten Heimatfront einige irritiert, damit geht de Maizière offensiv um. Er nannte die Erfolge von Athleten, die in der Sportfördergruppe der Bundeswehr ihr Auskommen haben, "eine Rechtfertigung für die ja durchaus diskussionswürdige Weise, wie wir in Deutschland Sport fördern". Und auf die Frage, ob die Verbände jetzt vielleicht noch den ein oder anderen erfolglosen Athleten - mit sanftem Druck - von den Trainingsbedingungen überzeugen sollten, die man als Sportsoldat hat, entgegnete der Verteidigungsminister: "Sanften Druck wird es nicht geben. Die Bundeswehr macht ja auch Dinge, die in der Öffentlichkeit umstritten sind, deshalb muss sich der Sportler schon aktiv dazu bekennen."

Wie wenig das auf den ersten Blick bisweilen zusammenpasst, Sport und Militär, konnte man an Luis Brethauer sehen, dem de Maizière am Montag im Deutschen Haus väterlich auf die Schulter klopfte: ein cooler Junge, 19, Abiturient - und als BMX-Fahrer ein Vertreter jener jungen Trend-Sportarten, mit denen die olympische Bewegung den Kontakt zur Jugend erhalten will. Auch Luis Brethauer ist Soldat. Und er kann das sogar erklären: "BMX ist mein Lebensinhalt, und die Bundeswehr gibt mir die Möglichkeit, mich ganz diesem Lebensinhalt zu widmen."

In den wenigsten olympischen Disziplinen können Sportler von Prämien oder Sponsorengeldern leben. Die Anstellungen bei Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll sind quasi das Vehikel, mit dem der Staat seinen besten Athleten ein bezahltes Vollzeit-Training finanziert. Dass manch einer seine pazifistischen Einstellungen überdenkt angesichts dieser Verlockung, liegt da auf der Hand.

Zwar war de Maizières Besuch lange geplant. Er passte gerade am Montag allerdings gut in die Debattenlage im Deutschen Haus. Es zeichnet sich inzwischen ja ab, dass der deutsche Sport in London deutlich weniger Glanz verbreiten dürfte, als geplant und erhofft. Begonnen hatten die Spiele bereits mit einem mehrtägigen Warten auf die erste Medaille, dann kamen die Vielseitigkeitsreiter, der Deutschlandachter, glückliche Bahnradfahrerinnen und trugen die deutsche Delegation emotional durch die erste Woche.

Seither gab es wieder mehr Enttäuschung als Jubel zu verzeichnen: bei den Schwimmern, den Schützen, den Hockeyspielerinnen und anderen. Und parallel dazu nimmt nun die Debatte Gestalt an, wie der deutschen Sport organisiert sein müsste, um auch in Zukunft noch konkurrenzfähig zu sein.

Als am Sonntag die Vertreter des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) eine frustrierende Bilanz zogen, war auch die Bundeswehr-Sportförderung ein Thema. Lutz Buschkow, der Leistungssport-Chef des DSV, sähe es gerne, wenn sich mehr seiner Besten der Sportkompanie anschlössen. Aus einem einfachen Kalkül heraus: Die deutschen Schwimmer (die in London ohne eine einzige Medaille blieben) sollen in Zukunft deutlich mehr trainieren. Dafür brauchen sie Zeit. Und dafür wiederum brauchen sie eine finanzielle Absicherung.

Außer Britta Steffen und Paul Biedermann kann keiner aus dem DSV-Lager mit seinem Sport den Lebensunterhalt bestreiten. Der Rückenschwimmer Jan-Philip Glania, 23, der zwischendurch mal auf Rang zwei der Weltrangliste gekrault war im Frühsommer, wäre für Buschkow ein möglicher Kandidat für die Rechnung: Mehr Training gleich mehr Erfolg. "Aber er will lieber sein Zahnmedizin-Studium weiterverfolgen", sagte Buschkow am Sonntag. Nur: Kann man das einem jungen Menschen verübeln? Müsste sich der Staat nicht auch andere Wege einfallen lassen als das Militär und die Sicherheitskräfte - wenn er schon viel Geld in jene Sportler investieren will, die ihn bei internationalen Großereignissen repräsentieren?

Den nächsten Debattenbeitrag zum Thema Sportförderung lieferte, ebenfalls am Montag, der Sportdirektor des Deutschen Hockey-Bundes (DHB), Heino Knuf. Gerade waren seine Hockeyfrauen ausgeschieden, die Olympiasiegerinnen von 2004, der Frust saß noch tief. "Wenn nicht sofort Maßnahmen eingeleitet werden, wird uns das weiter von der Weltspitze wegbringen", sagte Knuf. Mit Maßnahmen meint er: mehr Geld, mehr Personal. Bei einem Trainingslager hätten sich die Spielerinnen kürzlich sogar "private Unterkünfte besorgt, das hat seinen Charme, kann aber nur eine Notlösung sein". Knuf hat für seinen Verband jedenfalls "nicht das Gefühl, dass wir ausreichend Mittel haben, um unsere Ziele erreichen zu können".

Finanzielle Ausstattung, berufliche Perspektive, darum wird es gehen, wenn nach den Spielen Bernhard Schwank, der Leistungssportchef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) mit Vertretern der Fachverbände diskutiert, wie es weiter geht. Schwank kündigte am Montag "schonungslose Analysen" und "harte Gespräche" an, "mit den Schwimmern, den Schützen, auch mit den Fechtern". Und auch Thomas de Maizière findet, bei aller Bescheidenheit: "Es hätte ein paar Mal mehr Gold sein dürfen anstatt Silber, man muss sicher schauen, ob da ein Strukturproblem dahinter steckt."

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