Sport und Gesundheit Vom Kampf zum Krampf

Toni Kroos plagten im Finale mehrfach Krämpfe.

(Foto: Boris Streubel/Getty Images)

Nach 90 Minuten Pokalfinale spielten bei Dortmundern und Bayern die Waden nicht mehr mit. Noch immer kommt die Grundlagenausdauer im Fußball-Training zu kurz. Handballer und Basketballer können da nur lachen - sie sind andere Belastungen gewohnt.

Von Werner Bartens

Die Treppen hoch zur Siegerehrung haben sie es doch noch geschafft. Zwischendurch sah es nicht danach aus, denn die Beine der Kicker gehorchten offenbar der alten Fußballweisheit: "Ein Spiel dauert 90 Minuten." So lange war das Pokalfinale zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern ein intensives Duell: hohe Laufbereitschaft, giftige Zweikämpfe - nur die Tore fehlten. In der Verlängerung war jedoch die Luft raus. Mit Ausnahme der Torhüter konnten die Spieler irgendwann zwischen der 90. und der 120. Minute nicht mehr. Sie hielten sich die Oberschenkel, dehnten verzweifelt ihre Beinmuskeln und schüttelten sich vor Krämpfen.

Als Thomas Müller in der 120. Minute das 2:0 erzielte und zuvor über den halben Platz sprintete, musste man als Bayern-Fan befürchten, er würde es nicht mehr bis in den Strafraum schaffen. "Mich hat das auch sehr gewundert, dass so viele Spieler am Limit waren", sagt Martin Halle, Leiter der Sportmedizin an der Technischen Universität München. "Das Training ist ja nicht nur darauf ausgelegt, 90 Minuten durchzuhalten. Auch bei 120 Minuten müsste noch genügend Puffer drin sein."

Wenn Fußballer am Ende der zweiten Halbzeit oder in der Verlängerung Krämpfe bekommen, wird gerne auf ihre anstrengende Saison verwiesen. Die Vierfachbelastung Bundesliga, DFB-Pokal, Champions League und Nationalteam bedeutet für die Spitzenkräfte von Bayern München und dem BVB, dass sie bis zu 60 Begegnungen pro Spielzeit absolvieren.

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Da ist der Verschleiß zum Ende der Saison groß. Andererseits: Die Helden auf dem Rasen sind Profisportler, außer Training und Wettkampf haben sie wenig zu tun. Basketballer und Handballer amüsieren sich sowieso darüber, wenn die Kicker über ihre enorme Belastung stöhnen. NBA-Profis stehen in mehr als 80 Basketballbegegnungen auf dem Parkett. Handballer kommen auf ähnlich viele Einsätze. "Die Grundlagenausdauer darf im Training nicht zu kurz kommen", sagt Sportmediziner Halle. "Da sind andere Ballsportarten oft weiter als die Fußballer." Häufig werde traditionellen Denkmustern gefolgt und noch zu sehr auf Übungen mit dem Ball geachtet und das Konditionstraining vernachlässigt.

Bei südamerikanischen Kickern, die zum Leistungstest in die Sportmedizin kommen, hat Halle beobachtet, dass ihre Ausdauer oft nur mäßig ist. Vom ehemaligen Weltfußballer Ronaldinho ist überliefert, dass er Laufeinheiten im Training gehasst hat und nur zu motivieren war, wenn er den Ball am Fuß führen konnte. Franck Ribéry sprach nach dem Spiel am Samstag davon, dass gegen Ende die Konzentration nachgelassen habe. "Die Konzentration lässt nach, wenn die Kondition nachlässt - und dann steigt auch die Verletzungsgefahr", sagt Halle. "Zum Schluss geht es darum, wer noch frisch genug ist und dagegenhalten kann. Das entscheidet oft über Sieg und Niederlage."

Gute Ausdauer zeigt sich schließlich auch darin, dass die Erholung von einem kräftezehrenden Sprint nicht eineinhalb Minuten, sondern vielleicht nur eine Minute dauert. Dann ist im entscheidenden Moment noch Luft da, um in der 120. Minute nach einem 50-Meter-Lauf den Torwart auszutanzen und das 2:0 zu erzielen.

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