Speerwerferin Linda Stahl bei der EM Experiment gelungen, Medaille geholt

Eben das Staatsexamen bestanden, nun Bronze bei der EM gewonnen: Linda Stahl

(Foto: dpa)

Beim Wettkampf der besten Speerwerferinnen Europas geht es nicht nur um Titel und Weiten, sondern um die Frage: Wie fokussiert muss ein Sportler seinem Beruf nachgehen? Linda Stahl gibt eine Antwort und gewinnt ihre EM-Medaille mal eben so nebenbei.

Von Johannes Knuth, Zürich

Linda Stahl hob den Zeigefinger, ganz kurz, gut sichtbar für die Konkurrenz. Die 28-Jährige hatte beim Speerwurf-Finale der Leichtathletik-EM in Zürich gerade zum ersten Mal ihr Arbeitsgerät in den Züricher Abendhimmel verabschiedet. Der Speer hatte es sich auf einem Luftpolster gemütlich gemacht und war bei 63,91 Metern gelandet, sehr zur Zufriedenheit von Stahl. 63,91 Meter sind keine große, sie sind eine ordentliche Weite. Doch Stahl spürte, dass ihr erster Wurf an diesem Abend ein wertvoller werden könnte.

Es war ein interessanter Wettkampf, diese Zusammenkunft der acht besten Speerwerferinnen Europas am Donnerstagabend in Zürich. Es ging ja nicht nur um Titel, Ehren und Weiten. Der Wettstreit wurde begleitet von einer Einzelstudie, in dessen Mittelpunkt eine Probandin stand: Linda Stahl, 28, Speerwerferin vom TSV Bayer 04 Leverkusen, zweifache Bronze- und einfache Goldmedaillengewinnerin bei vorangegangenen Europameisterschaften. Stahl hatte Ende Juni ihr Medizin-Examen erfolgreich abgeschlossen, ab Oktober wird sie als Ärztin in einem Krankenhaus arbeiten, und die so lautete die Forschungsfrage, die den Wettkampf begleitete: Geht das, zwischen Studium und Job mal schnell eine EM-Medaille mitzunehmen?

Es geht. Linda Stahl wurde Dritte mit ihren 63,91 Metern, knapp geschlagen von der ehemaligen und nun wieder aktuellen Titelträgerin Babora Spotáková (Tschechien/64,41) und der Serbin Tatjana Jelaca (64,21). Wobei Stahl beteuerte, dass sie mit Bronze durchaus zufrieden sei angesichts der Umstände. Seit dem Examen im Juni, sagte sie, "bin ich eigentlich urlaubsreif".

Knapp an Bronze vorbeigesprungen

Dritter Wettkampftag bei der Leichtathletik-EM: Stabhochspringerin Lisa Ryzih verpasst Bronze denkbar knapp. Die junge Siebenkämpferin Carolin Schäfer zeigt am ersten Wettkampftag eine starke Leistung. mehr ...

Die Wochen vor der EM waren beschwerliche gewesen für Stahl, das konnte man bereits aus ihrem Tagesplan ablesen. Beginn um acht, Schichtende um 19 Uhr, dazwischen Training, Vorlesungen, Klausuren, Praktika, noch mehr Training. Während der Prüfungsphasen schlief Stahl manchmal weniger als fünf Stunden.

Nun also das Experiment von Zürich, das auch deshalb ein interessantes war, weil es eine zweite Probandin gab: Spotáková war im Mai 2013 Mama geworden, sie wollte - zwei Tage nach dem EM-Triumph der 40 Jahre alten Jo Pavey - noch einmal ein Beispiel sein für alle werdenden oder gewordenen Mütter, die nach der Geburt zurück in den Leistungssport drängen.