Skispringen: Österreich "Humor-Berater? Wieso Humor-Berater?"

Ein Improvisationstheater-Coach über seine Arbeit mit Österreichs Skispringern, Übungen auf der Eisscholle und schmutzige Witze.

Von Interview: Thomas Hahn

SZ: Herr Briefs, wozu brauchen Österreichs Skispringer einen Kölner Humor-Berater, wie Sie einer sind? Humor brauchen doch eher die anderen.

Freude am Fliegen: Österreichs Skispringer Thomas Morgenstern (l.) und Andreas Kofler.

(Foto: Foto: AFP)

Briefs: Damit sie drüber lachen können, dass sie immer verlieren?

SZ: Genau.

Briefs: Es geht um das Thema Leichtigkeit im Kopf. Zur Leichtigkeit braucht man Freiheit, und dabei kann Lachen helfen. Es gab vor zwei Jahren bei der Vierschanzentournee diese Konkurrenz zwischen Thomas Morgenstern (Olympiasieger, d. Red.) und Gregor Schlierenzauer (Skiflug-Weltmeister, d. Red.). Das war ein unausgesprochenes Statusthema, es ging um die Hackordnung, und das war damals tabuisiert. Sie haben viel Negativenergie aufgewendet, und gewonnen hat die Tournee letztlich Janne Ahonen. Mittels Improvisationstheater haben wir dann Möglichkeiten gefunden, das Thema zu erspielen, viel darüber zu lachen und es so auf eine unverkrampfte Art besprechbar zu machen.

SZ: Schadet ein Theaterkurs für Sportler nicht deren Authentizität?

Briefs: Gar nicht. Teil der Verabredung war ja sogar, dass der Kurs das nicht darf. Deswegen haben wir in dem Sinne auch kein Schauspieltraining gemacht, sondern Improvisationstheater. Da ist man ja sehr bei sich selbst.

SZ: Es fällt eben auf, dass die Österreicher immer so harmonisch auftreten.

Briefs: Dieser Teamgedanke ist keine Konstruktion. Ich hatte zweimal Kurse, zuletzt im September in Lillehammer, und da gab es heftige Spannungen innerhalb des Teams. Aber es gab Möglichkeiten, diese Spannungen zu lösen und besprechbar zu machen. Eine Art Spielerdemokratie einzuführen. Es war eine sehr konstruktive Diskussion. Es ging darum, einen Wert zu formulieren, der über den Medaillen liegt.

SZ: Humor hilft bei Konflikten?

Briefs: Genau. Zum Beispiel kann man durch einen provokativen Ansatz Dinge so stark überzeichnen, dass man anfängt, darüber zu lachen. Dann hat man sich von dem Thema distanziert und kann einen Perspektivenwechsel einnehmen. Das macht es möglich, den Konflikt zu besprechen. Es geht um Selbsterkenntnis und darum, darüber zu lachen, dass man Dinge überbewertet oder zu ernst genommen hat.

SZ: Und die Springer haben sich auf ihre Spiele eingelassen?

Briefs: Sie mussten schon ihre Komfortzone verlassen. Aber sie sind unglaublich innovationsfreudig. Sie sind Abenteurer. Introvertierte oder extrovertierte Abenteurer, aber Abenteurer. Sie sind sehr weit mit mir gegangen, und ich habe ihnen die Möglichkeit gegeben, Fehler zu machen. Ich habe gesagt: Fehler gehören dazu bei den Übungen, Fehler sind Feedback. Entscheidend ist, darüber lachen zu können, um mit Leichtigkeit weiterzugehen.

SZ: Was sind das für Übungen?

Briefs: Tja, das ist immer so schwer zu erklären, weil sie erst klar werden, indem man sie macht. Aber es gibt auch ganz körperliche Geschichten. Da stellt man sich zum Beispiel eine Eisscholle vor. Alle sind drauf. Die Eisscholle schmilzt und einer muss überleben. Da geht es darum, Strategien zu entwickeln, wie viele Leute bleiben wie lange dort. Und zwar ohne Worte.

SZ: Kaum zu glauben, dass jemand wie der kontrollierte Familienvater und Weltmeister Wolfgang Loitzl auf einer imaginären Eisscholle balanciert.

Briefs: Ja, Loitzl ist interessant. Der guckt eher. Aber auch er hat eine Neugierde. Er hat Lust am Spiel.

SZ: Sie haben mit Komikern wie Dirk Bach gearbeitet. Was unterscheidet Skispringer von Berufshumoristen?

Briefs: Dass die Skispringer privat witziger sind.

SZ: Ach so?

Briefs: Ich bin mit Dirk Bach befreundet, deswegen darf ich das sagen. Aber: ja. Die Skispringer nehmen den Humor mit in den Alltag. Für den anderen ist es auch Handwerk.

SZ: Ist einer der Springer für eine Improvisations-Show zu gebrauchen?

Briefs: Es waren Begabungen dabei. Und ich finde interessant, dass Witze bei Österreichs Skispringern eine große Rolle spielen. Noch mittags vor dem Tournee-Finale gab es unglaublich lustige Witze. Ich will die jetzt nicht erzählen. Sie waren etwas schmutzig.

SZ: Bitte, einen weniger schmutzigen.

Briefs: Ich weiß nicht, ob das nicht... Also: Ein Mann beschwert sich bei seiner Frau, weil sie immer Kochsendungen guckt. Sie könne doch überhaupt nicht kochen. Da sagt die Frau zum Mann: Wieso? Du guckst doch auch dauernd Pornos.

SZ: (lacht).

Briefs: Ich weiß nicht, ob der Witz für die Süddeutsche zu gebrauchen ist.

SZ: Ist der original von den Skispringern oder aus der Humor-Schule?

Briefs: Original. Ich war beim Tournee-Finale in Bischofshofen. Aus freien Stücken. Ich gucke den Leuten gerne bei der Arbeit zu. Und ich muss für einige Unruhe gesorgt haben in Skispringerkreisen, weil ich dauernd da rumstand oder in die Kabine reindurfte. Die anderen Teams dachten wohl, ich wäre Österreichs Geheimwaffe.

SZ: Die Konkurrenz rätselt eben, warum sie ständig verliert.

Briefs: Die gucken wirklich. Ich habe dann überlegt, ich werde mich den "Horoskop-Deuter der österreichischen Mannschaft" nennen.

SZ: Ach, wenn sie wahrheitsgemäß sagen, dass Sie der Humor-Berater sind, glaubt Ihnen das auch keiner.

Briefs: Das stimmt. Bei der Qualifikation bin ich mit dem Schlieri (Schlierenzauer, d. Red.) nach oben in den Turm gegangen. Hinter uns ging der Simon Ammann, der Schweizer Olympiasieger. Da habe ich gedacht, jetzt stelle ich mich mal dem Ammann vor. Ich bin zu ihm hin und habe gesagt: "Hallo, ich gehöre zur österreichischen Mannschaft. Ich bin der Improvisationslehrer und der Humor-Berater." Der war so irritiert, dass ihm völlig die Gesichtszüge entgleist sind. Ich habe mich verabschiedet, und dann habe ich gehört, wie der Ammann hinter uns murmelte: Humor-Berater? Wieso Humor-Berater?

Taumel in Rotweißrot

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