Severin Freund vor der Vierschanzentournee Viel Zeit im Kraftraum

Er hat ja alle Vorbereitungen getroffen, gewissenhaft und mittlerweile routiniert wie ein Hobbykoch, der an Weihnachten immer das Gleiche auftischt: Der Gesamtweltcup-Vierte Freund hat an Heiligabend mal wieder Ente mit Maronenpüree und Apfel-Kirsch-Soße gekocht. Auch auf der Schanze kennt er seine Zutaten, der Verlauf des bisherigen Winters unterstreicht dies. Freund hat drei Podestplätze belegt und in Nischni Tagil seinen zehnten Weltcupsieg geholt. Erst zuletzt in Engelberg, auf einer Schanze, die ihm weniger liegt, ist er mit einem siebten und einem zehnten Platz etwas zurückgefallen. Er hat im Sommer viel Zeit im Kraftraum verbracht, seine Feinmotorik hat sich rechtzeitig erholt, sein Sprungsystem ist abgestimmt. Und in Garmisch, auf dem für Freund unbequemsten Bakken der vier Schanzen, hatte er schon im Herbst einige Extraeinheiten eingelegt. Die Rädchen sind justiert, der Erfolg muss nun zu ihm kommen. Das heißt, das letzte bisschen Glück, der richtige Wind, die entscheidende Tagesform, die letzte Konzentration: "Du kannst letztlich nur noch bereit sein, und das bin ich."

Alles, was die Konzentration stören könnte, haben die Deutschen auszuschalten versucht. In Innsbruck wohnen sie außerhalb des Trubels der Stadt, und auch in Oberstdorf, wo die großen Hoffnungen bei der Aufgabe vor dem rauschenden Heimpublikum oft schon früh enttäuscht wurden, ziehen sie sich diesmal zurück. Die Medientermine vor dem Auftakt wurden weitgehend reduziert. "Wir werden früher anreisen und am Vortag alle nötigen Vorbereitungen abgeschlossen haben, sodass sich die Sportler auf das Nötigste konzentrieren können", sagt Schuster.

Das Feld der Favoriten ist groß

Von Vorteil könnte auch die Situation der Konkurrenz sein. Das Feld der Favoriten ist so groß, dass man nicht weiß, ob man von besonders vielen oder besser gleich von gar keinen Favoriten sprechen soll. Die ersten Zehn des Gesamtweltcups kommen aus sieben Nationen. Zwischen den Plätzen eins und sechs liegen gerade mal 80 Weltcup-Punkte Unterschied. Einen Seriensieger gab es bislang nicht, dafür Springer, die sich doch überraschend stabilisiert haben wie der Norweger Anders Fannemel, der Tscheche Roman Koudelka oder Michael Hayböck aus Österreich. Bei allen Top-Ten-Springern blieben Schwankungen bis zuletzt stark, und doch ist mit allen zu rechnen, denn ihre Namen sind ja klangvoll. Österreichs Rekordsieger Gregor Schlierenzauer musste bis zuletzt an Rädchen drehen und hat doch im Dezember seinen 53. Weltcup gewonnen. Ähnlich Simon Ammann, der viermalige Olympiasieger aus der Schweiz, der nach anhaltendem Tüfteln zuletzt in Engelberg ganz oben stand.

"Er kann extrem gut fliegen"

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Bei der 63. Vierschanzentournee wird sich wohl eher keiner früh absetzen, dafür ist die Konkurrenz zu groß. Aber was die anderen springen, sagen alle Springer, das kann man eh nicht beeinflussen. Entscheidend ist es, dass alle eigenen Vorbereitungen getroffen sind.

Wenn Severin Freund genauso gewissenhaft kocht, wie er an seinen Sprungkünsten feilt, dann muss das Maronenpüree an Heiligabend vorzüglich geschmeckt haben.