Schachweltmeister im Interview Magnus Carlsen: "Als Kind hat man viel Platz im Hirn"

Magnus Carlsen: Man muss sich entscheiden und das Beste daraus machen. Das ist die wichtigste Lektion, die es gibt."

(Foto: NTB scanpix)

Der Schachweltmeister spricht im SZ-Interview über seine Ausnahmekindheit, seinen Spieltrieb, Einsamkeit - und was er von Schach im Zeitalter der Computer hält.

Von Hannes Vollmuth

Mit zwei kannte er alle Automarken der Welt. Mit fünf konnte Magnus Carlsen die Länder, die Einwohnerzahl und die Hauptstädte der Erde auswendig. Mit neun gewann er sein erstes Schachtunier. Mit 13 rang er Weltmeister Garri Kasparow ein Unentschieden im Blitzschach ab. Im selben Jahr wurde er Großmeister, einer der jüngsten in der Geschichte des Spiels. Mit 20 führte er die Weltrangliste an. Man nannte ihn den Mozart des Schachs. Heute, mit 25, ist er zweifacher Weltmeister - und nebenbei ein Popstar, der berüchtigt dafür ist, im direkten Gespräch äußerst schwierig zu sein.

Ein milder Montagmittag in Oslo, ein karges Büro direkt am Schlossgarten. In der Mitte steht ein Tisch, zwei Stühle, mehr nicht, sieht man mal von der Schale Studentenfutter ab. Magnus Carlsen betritt mit einer Verspätung von 30 Minuten den Raum. Die Schale Studentenfutter wird er in den nächsten zwei Stunden nicht einmal anrühren.

Während des Gesprächs rechnet er still eine alte Partie im Kopf durch

Wochen lang gingen Mails hin und her, am Ende sagte Carlsens Management zu. Was auch daran liegt, dass jetzt ein Dokumentarfilm in die deutschen Kinos kommt: Magnus, der Mozart des Schachs. Hollywood wollte diesen Film machen, aber Carlsen entschied sich für Benjamin Ree, einen 27-Jährigen Filmemacher aus Norwegen. Näher kam dem Wunderkind und Schach-Genie wohl nie jemand, mal abgesehen von seiner Familie und seinem Trainer.

Magnus Carlsen schiebt sich auf den Stuhl, er sieht munter aus, ein junger, sportlicher Mann von 25 Jahren, Kapuzenpulli und Sneakers, er hat seine eigene Wasserflasche zum Gespräch mitgebracht. Carlsen will Fragen hören - um ohne Verzögerung dichte, hochkonzentriere Antworten über den kleinen Tisch zu schießen. Kein Smalltalk.

Er erzählt von einer Ausnahmekindheit, die ihm kein bisschen außergewöhnlich erschien. "Alles fühlte sich komplett normal für mich an. Als Kind hat man viel Platz im Hirn, es ist leicht, sich Automarken zu merken, Flaggen, die Städtenamen und Zahlen." Trotzdem kann man sagen, dass Carlsens Gehirn zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist. Während des Gesprächs rechnet er still eine alte Partie im Kopf durch und spricht gleichzeitig darüber, was einem Schach fürs Leben bringt: "Im Schach geht es fast nur darum, Entscheidungen zu treffen. Die Zeit ist begrenzt, und man weiß nie genau, wie sich ein Zug auswirken wird. Trotzdem muss man sich entscheiden und das Beste daraus machen. Das ist die wichtigste Lektion, die es gibt. Auch im Leben."

Im Laufe des frühen Nachmittags wird Carlsen noch über seinen Spieltrieb reden, von seinem Willen zum Sieg, von der Einsamkeit, von seiner Gastrolle bei den Simpsons und wie er auf Schach im Zeitalter der Computer blickt. Es gibt inzwischen eine Schach-App, "Play Magnus". Man kann gegen Carlsens digitalen Avatar spielen und wählen, wie alt Magnus sein soll. Spielt er gegen sich selbst? "Manchmal. Im Flugzeug oder wenn mir langweilig ist." Was soll das bringen? "Ich finde etwas über mich heraus. Wer ich damals war und was aus mir geworden ist."

"Den Gegner langsam erwürgen"

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