Schach-WM Karjakins taktische Trübung

Die Züge gehen weiter: Magnus Carlsen (rechts) konnte gegen Sergej Karjakin den ersten Sieg einfahren.

(Foto: Eduardo Munoz Alvarez/AFP)

Herausforderer Sergej Karjakin gilt als brillanter Taktiker, übersieht im WM-Duell aber viele Chancen. Vor der nächsten Partie verarbeitet er das auf seine eigene Art.

Von Martin Breutigam

Den Film über Magnus Carlsen hat sich Sergej Karjakin natürlich angesehen, schon vor dem Duell um die Schach-WM in New York. Vielleicht erkannte der russische Herausforderer in dieser Dokumentation ("Magnus - der Mozart des Schachs"), die bis ins Gefühlsleben des Weltmeisters vordringt, wie verwundbar der scheinbar übermächtige Norweger sein kann. Zumindest war es Karjakin in den ersten zwei WM-Wochen im Fulton Market Building überraschend gelungen, Schwächen in Carlsens Spiel zu provozieren. Doch spätestens seitdem der Weltmeister in der Nacht zum Freitag nach sechseinhalb Stunden die zehnte Partie gewann und zum 5:5 ausglich, ist auch von einer bislang ungewohnten Schwäche Karjakins die Rede: dem Nichterkennen taktischer Optionen.

Dies ist insofern erstaunlich, als Karjakin nicht nur als ein Defensivkünstler gilt, sondern auch als ein brillanter Taktiker. Überraschende Kombinationen, oft verbunden mit (Schein-)Opfern, sieht er meist blitzschnell. Auch über Karjakins Lebensweg vom Schachwunderkind zum Herausforderer erschien gerade eine Dokumentation ("Sergey - The Chess Prodigy"), und darin erklärt der Ukrainer Ruslan Ponomarjow, weshalb er 2002 den damals erst zwölfjährigen Karjakin in sein WM-Sekundantenteam holte: "Wir nannten ihn unseren Taktik-Trainer."

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Doch in den vergangenen Tagen war der taktische Scharfblick des inzwischen 26-Jährigen arg getrübt. In der neunten Partie in der Nacht auf Donnerstag hatte er Carlsen nahezu überspielt, kalkulierte aber im entscheidenden Moment eine - schwer zu findende - taktische Variante nicht tief genug und ließ seinen Gegner ins Remis entkommen. Und einen Tag später verpasste Karjakin ausgangs der Eröffnung gleich zweimal eine Möglichkeit, die ihm ein bequemes Remis und die Führung in der Gesamtwertung gesichert hätte. Er hätte im 20. und im 21. Zug mit seinem Springer furchtlos auf dem Feld f2 einen Bauern schlagen können, aber er übersah die Möglichkeit und stand somit vor der Aufgabe, ein leicht schlechteres Endspiel zu verteidigen.

Fortan ließ Carlsen nicht mehr nach, Zug um Zug vergrößerte er seine Vorteile und brach nach insgesamt 75 Zügen den Widerstand des Herausforderers. "Es war wieder nicht einfach, aber ich habe ihn gepackt", sagte Carlsen. Dass er zuvor neun Mal nacheinander nicht habe gewinnen können, sei ihm noch nie passiert. "Ich bin erleichtert, noch zwei weitere Partien spielen zu können."

Ähnlich wie Carlsen zu Beginn des Wettkampfs muss nun Karjakin versuchen, die verpassten Chancen zu verarbeiten. Das Motto für die verbleibenden Partien (Beginn 20 Uhr im SZ-Liveticker) formulierte er knapp und selbstironisch: "Gut spielen, nichts übersehen." Partie elf an diesem Samstag eröffnet Karjakin, die zwölfte ist für Montag angesetzt. Sollte es danach 6:6 stehen, wird am Mittwoch der Titel in Stichpartien mit kürzerer Bedenkzeit vergeben. Die Ruhetage dazwischen können die Kontrahenten gut gebrauchen. Die letzten Tage mit Partien über bis zu sieben Stunden hätten auch bei ihm Spuren hinterlassen, sagte Carlsen. Und er stelle sich auf weitere Kämpfe dieser Art ein.

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