Schach-WM Carlsens letzter Zug ist ein Donnerhall

  • Ein Damenopfer im Tiebreak bringt dem Norweger Magnus Carlsen die Titelverteidigung als Schach-Weltmeister ein.
  • Sein Gegner Sergej Karjakin kommt mit den Schnellschach-Bedingungen nicht klar und sagt: "Ich glaube, ich habe sehr schlecht gespielt."
  • Der Veranstalter des WM-Kampfes freut sich über Zuschauerrekorde.
Von Thomas Hummel

Als die beiden Spieler den Presseraum im South Street Seaport von New York betraten, begannen die Fans zu singen. Ein Happy-Birthday-Ständchen für Magnus Carlsen, der Norweger grinste in seinem Sessel, hob kurz die Hand zum Dank. Doch bei allem Respekt: Das Liedchen war nicht das schönste Geschenk an diesem 26. Geburtstag für Magnus Carlsen. Das schönste Geschenk war wohl nicht mal der Pokal und die Medaille für den dritten Weltmeister-Titel im Schach. Das schönste Geschenk hatte er sich selbst überreicht: Als er im vierten Schnellschach-Spiel des Tiebreaks eines der beeindruckendsten Schachmatt der WM-Geschichte gezeigt hatte.

Carlsen beendete diesen lange Zeit zähen Weltmeisterschaftskampf mit einem Donnerhall: einem Damenopfer, das den ukrainisch-russischen Herausforderer Sergej Karjakin ins unvermeidliche Schachmatt führte. Bei nur noch zwei Minuten Bedenkzeit war es das eine für Carlsen, diese Kombination zu erblicken. Doch das andere, alle Möglichkeiten durchzuspielen und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben, seinen Plan dann auch umzusetzen. (Hier die vierte Schnellschach-Partie in der Liveticker-Nachlese)

Die vier Tie-Break-Partien der Schach-WM zum Nachspielen

Ein Remis, ein Fast-Matt und zwei deutliche Siege für den alten und neuen Weltmeister Magnus Carlsen. Alle Schnellschach-Spiele Zug für Zug. (Nachspielen nur auf Desktop möglich) mehr ...

Schach-Großmeister in den Fernsehstudios und in den sozialen Medien drückten ihr Staunen und ihren Respekt aus, dass sich Carlsen mit diesen wundervollen Zügen zum Weltmeister gekürt hatte. Es war der zweite Sieg des Norwegers in der vierten Schnellschach-Partie bei zwei Unentschieden. Mit 3:1 hatte er damit den Tiebreak dieser WM gewonnen. "Ich bin superglücklich und erleichtert, wie das heute gelaufen ist", sagte Carlsen.

Karjakins wundersame Verteidigung

Dabei hatte er erneut lernen müssen, mit Frust umzugehen. Nach einer ersten ausgeglichenen Partie hatte der Norweger in Spiel zwei eine klare Siegchance auf dem Brett stehen. Doch Karjakin schaffte es wie zuvor in einigen klassischen Schachspielen, sich trotz erheblicher Zeitnot mit wundersamen Verteidigungszügen aus der Bredouille zu spielen. Bisweilen zog der Russe erst in der letzten Sekunde (Schnellschach: 25 Minuten Bedenkzeit plus zehn Sekunden Zuschlag pro Zug) und schaffte dennoch ein Remis wegen Patt. "Das war schon ein bisschen frustrierend für mich", sollte Carlsen später gestehen. (Hier die zweite Schnellschach-Partie in der Liveticker-Nachlese)

Doch statt den psychologischen Vorteil zu nutzen, spielte Karjakin immer schüchterner. "Nach den zwölf klassischen Partien war ich überhaupt nicht vorbereitet auf Schnellschach. Ich glaube, ich habe sehr schlecht gespielt", erklärte der ebenfalls 26-Jährige. Das Schachnation Russland hatte gehofft, mit Karjakin auf den Schach-Thron zurückzukehren und eine Million Euro in dessen Vorbereitung auf das Duell mit dem Weltmeister investiert. Doch nun gab Karjakin zu, dass ihm die akribische Analyse unter Schnellschach-Bedingungen im Tiebreak eher geschadet als genutzt hat. "Es hat nicht funktioniert, er änderte immer wieder seine Stellungen. Da waren so viele Dinge zum Vorbereiten, dass ich mir nicht alle merken konnte. Vielleicht wäre es besser gewesen, einen frischen Kopf zu haben, statt so viel einzustudieren."

Im Schnellschach müsse man einfach gut in Form sein, so Karjakin, das habe er nicht geschafft. Nachdem sich Karjakin in Spiel zwei gerade noch rettete, geriet er in der dritten Partie selbst mit den weißen Figuren stark unter Druck. Und brach darunter zusammen. Karjakin hatte ein Zeitproblem, hörte die Uhr neben sich ticken. Carlsen hingegen zog immer schneller, spielte erstaunlich schwerelos und präzise. "Mein Kopf arbeitete besser als in den Tagen vorher. Und es war sehr erfrischend, schneller zu spielen nach all den Wochen", sagte er.