Schach-WM Armageddon am Geburtstag

Der neue Schach-Weltmeister wird im Tie-Break ermittelt. Und obwohl Titelverteidiger Magnus Carlsen als Favorit gilt, muss er gegen Sergej Karjakin sehr vorsichtig agieren.

Von Claus Hulverscheidt, New York

Magnus Carlsen freute sich diebisch über den gelungenen Coup, doch seine Nach- und Nebensätze verrieten zugleich, wie sehr ihm in den vergangenen Tagen die Muffe gegangen war. "Ich wollte heute Unentschieden spielen, ich wollte den Tie-Break", sagte er nach dem abrupten Ende jener zwölften Partie und zog die Mundwinkel beinahe bis an die Ohren - und weil nicht jeder gleich verstand, warum ein Weltmeister in der letzten regulären Begegnung der Schach-WM gar nicht erst den Versuch unternimmt zu gewinnen, fügte er ein Bild aus dem Fußballsport an: "Ich verstehe, dass es für die Fans nicht so schön ist, wenn zwei Mannschaften in den letzten Minuten gar nicht mehr aufs Tor schießen wollen - aber so eine Verlängerung ist ja auch spannend!"

Verlängerung! Was so lässig-abgeklärt klang, war in Wahrheit ein Kompliment des Norwegers an seinen ukrainisch-russischen Gegner Sergej Karjakin, wie man es sich vor zweieinhalb Wochen noch kaum hätte vorstellen können. Denn dreht man den Satz um, dann besagt er: Carlsen setzt eher auf den Tie-Break, der an diesem Mittwoch in New York ausgespielt wird, als das Risiko einzugehen, sich nach mehr als 60 Stunden Spielzeit kurz vor Schluss noch den alles entscheidenden Konter einzufangen. Lieber 6:6 als 5,5 : 6,5 also - wohl niemand hätte zu Beginn des Weltmeisterschaftskampfs gedacht, dass der turmhohe Favorit Carlsen eine solche, auf Sicherheit bedachte Strategie nötig haben würde.

Wie Magnus Carlsen sich in die Verlängerung tauschte

Eigentlich sollte es das Finale der Schach-WM werden und eigentlich hatte der Weltmeister mit den weißen Steinen einen Vorteil: Doch Carlsen wollte gar nicht gewinnen. mehr ...

Ganze 36 Minuten dauerte die letzte reguläre Partie, und der Spielverlauf bestätigte die Darstellung des Titelträgers, dass er es von Beginn an auf ein weiteres Remis abgesehen hatte. Obwohl er die weißen Steine führte, verzichtete er von Anfang an auf den allgemein erwarteten Frontalangriff, vielmehr wählte er erneut die sehr konventionelle Spanische Eröffnung. Karjakin antwortete mit der Berliner Verteidigung - womit schon nach Minuten klar war, dass alles auf ein Remis hinauslaufen könnte.

Nach 30 Zügen nickten sich die Kontrahenten zum Erstaunen vieler Zuschauer zu

Ohne lange nachzudenken, bewegte der dreimalige Champion seine Figuren übers Brett. Nach nur sieben Minuten schob er schwungvoll den Ledersessel nach hinten, hängte das Jackett über die Lehne, vertrat sich kurz im Nebenraum die Füße und setzte sich dann ebenso lässig wie breitarmig wieder an den Tisch. Der Herausforderer nahm sich zunächst etwas mehr Zeit, beteiligte sich dann aber am raschen Abtausch von Damen, Türmen und Springern. Nach 30 Zügen und damit zum frühestmöglichen Zeitpunkt nickten sich die Kontrahenten zum Erstaunen vieler Zuschauer zu, reichten sich die Hand und standen auf.

Aktuelles Lexikon: Tie-Break

Es wird an diesem Mittwoch im Fulton Market Building zu New York ein paar ungewöhnliche Bilder geben. Dort steigt der Schlusstag der Schach-WM, und Schach gilt doch als ein Sport der Denker, bei dem die Athleten stundenlang sinnieren und kombinieren und in aller Ruhe Züge ausführen. Aber weil es bei der WM zwischen Titelträger Magnus Carlsen und Sergej Karjakin nach zwölf regulären Partien 6:6 steht, muss die Entscheidung im Tie-Break fallen - wie schon bei den WM-Kämpfen 2006 und 2012. Erst sind vier Schnellschach-Duelle zu bestreiten mit nur 25 Minuten Bedenkzeit pro Akteur. Gibt es dann immer noch einen Gleichstand, folgen bis zu zehn Blitz-Partien, in denen Carlsen und Karjakin nur je fünf Minuten nachdenken dürfen, und notfalls eine "Armageddon-Partie": Weiß hat fünf Minuten Zeit, Schwarz vier, aber siegt Weiß nicht, ist Schwarz Weltmeister. Tie-Breaks sind in der Sportwelt nichts Ungewöhnliches. Den berühmtesten gibt es im Tennis, wenn es in einem Satz 6:6 steht, der Fußball hat das Elfmeterschießen. Für manche Schach-Puristen aber ist das Reglement ein Graus, weil diese Schnell-Duelle verstärkt zu Fehlern führen und das dem Geist des Spiels zu widersprechen scheint. Sie würden lieber noch ein paar Partien mit langer Bedenkzeit sehen. Andererseits lässt sich ein zugespitztes Finale gut vermarkten - und müssen die Spieler besondere Kombinierfähigkeiten zeigen.

Johannes Aumüller

Damit endete der reguläre Wettkampf so, wie er begonnen hatte: unentschieden. Zehn Remis stehen nun nach gut zwei Wochen Wettstreit im Fulton Market, dem früheren New Yorker Fischmarkt in Lower Manhattan, zu Buche. Hinzu kommt jeweils ein Sieg für beide Kontrahenten.