WM-Eröffnungsspiel Russlands Feuerwerk im Luschniki-Park

  • WM-Gastgeber Russland gewinnt das Eröffnungsspiel mit 5:0 gegen Saudi-Arabien.
  • Die Resultate der Mannschaft sind wichtig, damit das Turnier auch zu dem Fest werden kann, das sich die Kreml-Führung um Wladimir Putin erhofft.
  • Nun geht es für das Team in den nächsten Tagen gegen Ägypten und Uruguay um den Einzug ins Achtelfinale.
Von Johannes Aumüller, Moskau

Es war ein vergleichsweise unbekanntes Gesicht, in das Russlands Fußball-fans auf einmal blickten. Zwar ist Jurij Gasinskij bereits 28 Jahre alt, aber es ist nicht so, dass er für das Nationalteam des WM-Gastgebers schon sonderlich viele auffällige Momente geboten hätte. Nur ein halbes Dutzend Länderspiele hatte er bis zum Donnerstag absolviert, ein Tor hatte er noch nie geschossen, aber dann hatte der defensive Mittelfeldspieler vom FK Krasnodar just im Eröffnungsspiel gegen Saudi-Arabien seinen großen Moment.

Zwölf Minuten waren gespielt, da flankte Roman Sobnin von der linken Seite, der Gegenspieler vor ihm stolperte Gasinskij netterweise den Weg frei, und so stand er frei und unbedrängt genug, um zum 1:0 einzuköpfen. Und das war also der Moment, der den Gastgeber des Turniers vor mancher Furcht erlöste und stattdessen den Boden für einen erfolgreichen Auftakt sowie eine gute Stimmung legte. Mit 5:0 (2:0) gewann die Sbornaja am Ende im Moskauer Luschniki-Stadion, nun geht es in den nächsten Tagen gegen Ägypten und Uruguay um den Einzug ins Achtelfinale.

Golowin fegt über Saudi-Arabien hinweg wie einst Klose

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"Mit Worten hat noch nie jemand gewonnen, wir haben heute eine Tat gezeigt. Die Spieler haben genau das ausgeführt, was wir geplant hatten", sagte Trainer Stanislaw Tschertschessow, aber er ergänzte auch: "Drei Punkte sind da. Es ist ein Turnier, es endet nicht mit diesem Spiel." Russlands Team hatte vor der WM aufgrund seiner zuletzt schwachen Auftritte viel Kritik erfahren, aber andererseits war auch immer klar, welche Aufgabe es vor sich hat. Seine Resultate sind wichtig, damit das Turnier zu dem Fest werden kann, das sich die Kreml-Führung um Wladimir Putin erhofft. Und damit das auch keiner der Spieler vergessen konnte, sprach Putin vor dem Spiel selbst noch mal aus seiner Loge.

Putin sitzt neben Fifa-Boss Infantino und Saudi-Arabiens Kronprinz bin Salman

Die Kicker klatschten dem Staatspräsidenten brav Beifall, und dann erledigten sie alles wie erhofft, während sich der Kreml-Boss auf seinem Platz gut gelaunt mit dem Fifa-Chef Gianni Infantino und dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman austauschte. Da war also ein Trio versammelt, das sich nicht nur über die Kopfballtechnik Gasinskijs unterhalten konnte. Sondern auch über den Umgang mit Menschenrechtsfragen oder über die Frage, wie die Politik den Fußball beeinflussen kann. Putins Russland lebt das schon seit einem Jahrzehnt vor; Saudi-Arabien wiederum soll einer der zentralen Akteure sein, die hinter dem ominösen 25-Milliarden-Angebot an die Fifa stecken für die Reform der Klub-WM und die Gründung einer globalen Nationenliga.

Kurz nach dem Anpfiff konnte Putin und den anderen Anhängern des russischen Teams zwar etwas bang werden, als die saudische Mannschaft eine Ballstafette voller Direktpässe demonstrierte, als sei nicht nur ihr Trainer Juan Antonio Pizzi ein Spanier, sondern als seien es die Spieler selbst auch. Aber diese Phase währte wirklich nur kurz. Danach erwies sich Saudi-Arabien als der erhofft schwache und für ein Warmspielen wie geschaffene Gegner für den Gastgeber. Und das frühe 1:0 durch Gasinskijs Kopfball erleichterte die grundsätzliche Spielidee der Sbornaja nur zu gut.

Sie überließ dem Gegner den Ball, ließ ihn kommen - und postierte sich im Defensivverhalten durchaus geschickt. Und wenn sie in der Mittelfeldzentrale den Ball eroberte, ging es flugs nach vorne. So kam es dann zu manch gefährlichen Ansätzen, etwa als der auffallend starke Alexander Golowin in den Strafraum dribbelte und zu Fall kam (36.) - aber dafür keinen Elfmeter erhielt. Doch auch so gelang es der Mannschaft, noch vor der Pause die Vorentscheidung zu erzielen: Mal wieder gab es eine Balleroberung, mal wieder war Golowin entscheidend beteiligt, und am Ende der Passkette stand Denis Tscheryschew, der drei übermütig heranrauschende Gegenspieler verlud und zum 2:0 einschoss.

Das war aus russischer Perspektive nun gleich die zweite unerwartete Personalie des Tages. Auch Tscheryschew war, wie der erste Torschütze Gasinskij, nicht gerade ein Spieler gewesen, auf den das Land gesetzt hatte, wenn es um die WM ging. Er ist zwar der einzige Feldspieler des Kaders, der im Ausland unter Vertrag steht, beim FC Villarreal in Spanien. Sein Vater Dmitrij war in den Neunzigern als Fußballer in der Primera Division gelandet und Tscheryschew wurde dann in der Jugendschule von Real Madrid groß. Aber fürs Nationalteam war er bisher noch nicht allzu prägend in Erscheinung getreten. Lange galt er gar als Streichkandidat für das Turnier. Er hatte auch nicht in der Startelf gestanden, sondern war früh für den verletzten Alan Dsagojew gekommen.

"Es ist einfach ein unglaubliches Gefühl, ich kann das gar nicht beschreiben, was heute passiert ist", sagte Tscheryschew. So konnten die Russen recht unbesorgt die zweite Hälfte des Spiels angehen. Richtig viele Chancen erspielte sich die Sbornaja zunächst nicht mehr, aber knapp 20 Minuten vor Schluss fiel dennoch das dritte Tor. Golowin flankte, und in der Mitte traf der eingewechselte Artjom Dsjuba, der noch kurz vor dem WM-Start eine Art Brandrede gehalten und Fans sowie Medien um Mäßigung bei den kritischen Einlassungen gebeten hatte, per Kopf zum 3:0. Spätestens als Tscheryschew mit einem Außenrist-Schuss sowie Golowin per Freistoß in der Nachspielzeit auch noch das 4:0 und das 5:0 schossen, entstand auf der Tribüne jene Stimmung, die sich die Sbornaja und Putin in seiner Loge so wünschten. Kurz nach dem Spiel saß Trainer Tschertschessow gerade in der Pressekonferenz, um seine Gedanken zum Spiel auszubreiten, da klingelte sein Telefon - und verließ der frühere Bundesliga-Torwart von Dynamo Dresden kurz den Raum. "Das war das Staatsoberhaupt", teilte er bei seiner Rückkehr mit. Er habe sich bedanken wollen. Und wenn es nach Putin und Tschertschessow geht, wird es solche Telefonate bei der WM noch öfter geben.

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