Proteste während des Confed-Cups Blatters Worte als Brandbeschleuniger

Brasiliens Sportfunktionäre sind korrupt und verhasst. Doch auch der Fußball-Weltverband zeigt sich beim Confed-Cup wieder mal als Kommerz-Maschine - und zieht Proteste der Brasilianer auf sich.

Von Thomas Kistner, Brasilia

Die Szene barg Symbolkraft, am Samstag in Brasília: Vor der Arena traktierten Polizei-Tausendschaften hundert Demonstranten mit Tränengas und Blendgranaten, drinnen versuchten Staatspräsidentin Dilma Rousseff und Sepp Blatter, Chef des Fußball-Weltverbandes, den Confederations Cup zu eröffnen. Sie kamen in dem donnernden Buh-Konzert minutenlang nicht zu Wort. Fifa und Regierung spielten dies rasch als Ausdruck einer kurzen nationalen Konfusion herunter.

Inzwischen haben nicht wenige den Ernst der Lage begriffen, die Fifa aber verbreitet weiter ihr übliches Festpathos. Fußball sei "stärker als die Unzufriedenheit der Menschen", erzählte Blatter der Zeitung Estado de São Paulo, "wenn der Ball rollt, wird das aufhören". Nur rollt der Ball längst. Aber Blatter findet sowieso, dass die Fußballparty, aus der seine Fifa Milliardengewinne zapft, nur missbraucht werde: "Diese Personen nutzen die Plattform des Fußballs für bestimmte Proteste."

Solche Worte sind typisch für die Fifa und den Weltsport. Sie haben dafür gesorgt, dass die Festkarawanen des Sports, wo immer sie hinziehen, inzwischen oft auf Ablehnung stoßen; willkommen sind nur die Athleten. Denn um die begehrten Turniere zu bekommen, schließen die Politiker Knebelverträge mit zwielichtigen Funktionären. Gesetze werden entkräftet und neue Superstadien garantiert - Arenen, die nach der Party "Weiße Elefanten" werden, Milliardengräber. 33 Milliarden Reais (11,5 Milliarden Euro) soll die WM in Brasilien kosten, weitere 28 Milliarden Reais die Sommerspiele 2016. Ausgaben, die zu Lasten von Bildung, Gesundheit und der Bewohner von Armensiedlungen gehen, die für die neue Infrastruktur niedergewalzt wurden.

Nun könnten Blatters Worte als Brandbeschleuniger wirken. Schon schreiben Kommentatoren, dass sich die Fifa als Kolonialmacht aufführe und Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke den gestressten Veranstaltern gar einen "Tritt in den Hintern" angeboten habe. Und sie erinnern daran, wie die Fußballbosse sogar ein eigenes WM-Gesetz durchfochten. Das verdrängt das traditionelle Kleingewerbe um die Stadien und räumt den Weg für Fifa-Sponsoren wie den US-Braukonzern Budweiser frei, der sein Bier in den WM-Arenen ausschenken darf. Obwohl in Brasilien sonst striktes Alkoholverbot herrscht.

So richten sich die Proteste auch gegen die Fifa. Sie ist fest verschweißt mit den verhassten "Cartolas", wie die einheimischen Sportfunktionäre heißen. Blatters Amtsvorgänger João Havelange verlor wegen Korruption jüngst gar den Titel als Fifa-Ehrenpräsident, auch Rios Olympiastadion für die Spiele 2016 wird Havelanges Namen tilgen. Dann ist da noch Ricardo Teixeira, lange Jahre Fifa-Vorstand und Boss des nationalen Fußballverbandes CBF. Den hatten Parlamentsausschüsse in Brasília bereits 2001 als Hort der Kriminalität gebrandmarkt.

Doch erst 2012, als neu ermittelt wurde, floh Teixeira nach Miami. Sein Nachfolger José Maria Marin, 81 Jahre alt, war schon Günstling der Militärdiktatur. Als die Menschen nun auf die Straße gingen, ließen Parlamentarier Mitarbeiter vor dem CBF-Büro in Brasília Schlange stehen, um Freitickets abzugreifen. Und der Gouverneur von Brasília verlieh Marin einen Verdienstorden.