Olympia Thomas Bach und das Märchen von der Münchner U-Bahn

Warb erfolglos um Olmypia in München: Thomas Bach

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Um für Olympia zu werben, erzählt der IOC-Präsident, München hätte ohne die Spiele 1972 "vielleicht noch heute keine U-Bahn". Es ist nicht der einzige vermeintliche Fakt, den Bach zu seinen Gunsten verdreht.

Kommentar von Johannes Knuth

Die olympische Bewegung ist kerngesund, sie trägt sogar heilende Kräfte in sich, mindestens das. Findet zumindest der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach. Der trat am Dienstag in Pyeongchang auf, ein Jahr vor den Winterspielen in Südkorea - wo die ehemalige Präsidentin Park Geun-hye gerade von einer Korruptionsaffäre verschluckt wird. Aber das ist natürlich nichts, was das IOC nicht lindern könnte. "Nach den politischen Schwierigkeiten, die Ihr Land jetzt durchmacht, können die Olympischen Spiele das Land wieder vereinen", sagte Bach der Agentur Yonhap. Olympia als politische Wellness-Kur.

Klingt schön. Täuscht aber nicht darüber hinweg, dass viele Metropolen dieses Wohlfühlprogramm in letzter Zeit irgendwie nicht mehr buchen. Seit 2013 stemmen sich Bürger und Politiker vermehrt gegen Olympia-Bewerbungen, in Wien, München, Stockholm, Krakau, Boston, Hamburg, Rom, Budapest, Graubünden, Letztere zum zweiten Mal. Auch Paris wackelt, einer von bloß zwei Kandidaten für die Spiele 2024. Was laut Bach aber nichts mit seinem vielleicht doch nicht so wohltuenden olympischen Wellness-Paket zu tun hat. Sondern damit, dass viele die segensreiche Kräfte Olympias nicht erkennen würden, wie er kürzlich dem Münchner Merkur und den Stuttgarter Nachrichten erzählte. "Wir leben in einer Zeit", so Bach, "in der ein politischer Dialog, eine Auseinandersetzung mit Argumenten nicht mehr stattfindet."

Fraglich, ob Thomas Bach seine U-Bahn-These korrigieren wird

Das kann man so sehen. Man kann es aber auch so sehen, dass manche Argumente des IOC eine Auseinandersetzung mit der Realität nicht überstehen. Das Nachhaltigkeits-Argument etwa, das Bach im Merkur so ausführte: "Ohne Olympische Spiele hätte München vielleicht heute noch keine Ubahn." Keine U-Bahn? Ein Rundgang durch die Archive verrät: Der Vater der Münchner U-Bahn war Stadtplaner Klaus Zimniok, der 1963 "binnen einem halben Jahr seiner Sekretärin ein sechsbändiges und siebeneinhalbpfündiges Werk" diktierte, wie der Spiegel damals schrieb. Band sechs "enthielt die komplette U-Bahn-Planung". Nachdem Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel mit Bund und Land gerungen hatte, wer wie viel Geld gibt, schritt Vogel am 1. Februar 1965 zum Spatenstich, mit Festreden und Blasmusik.

Die Sommerspiele? Fielen München später zu, am 26. April 1966. Olympia 1972 habe die Entwicklung der U-Bahn beschleunigt, das schon, erinnerte sich Vogel vor zwei Jahren im SZ-Gespräch, weil das Netz nun schneller fertig werden musste. "Aber U- und S-Bahn wären auch ohne Olympia gekommen."

Hat Bach seine U-Bahn-These also wirklich so formuliert und wenn ja: Wird er sie korrigieren? Das IOC lässt Anfragen dazu unbeantwortet. So entsteht im Kleineren ein Bild, das man auch in großen Fragen vom IOC kennt, das Bürgern (und Medien) gerne vorhält, nicht empfänglich für Fakten zu sein: Die eigenen Argumente werden so dick geschminkt, bis man nicht mehr hinter die Maske blicken kann. Wie bei den Olympiabauten, die später genutzt werden (oder verrotten). Oder Ausrichtern, die eine schwarze Null schreiben (während milliardenschwere Ausgaben in anderen Budgets versteckt werden). Oder bei Rios neuem Verkehrsnetz, das seit den Spielen 2016 der Bevölkerung zu Gute kommt (aber fast nur der Oberschicht rund um den Nobel-Vorort Barra). Oder, oder, oder.

Wie bei der Fifa

Einst rühmte sich IOC-Präsident Thomas Bach mit der Vorbildfunktion seines Verbandes. Das wirkt nur noch grotesk. Denn schmutzige Geschäfte scheinen zur olympischen Welt zu gehören wie die Ringe. Kommentar von Johannes Aumüller mehr...