Journalisten sind nicht schuld am Tod des Rodlers Nodar Kumaritaschwili. Sie müssen sich aber bewusst sein, dass sie Sportler an körperliche Grenzen treiben.
Noch schien die Sonne über dem Callaghan Valley, die Qualifikation der Skispringer war gerade zu Ende gegangen, und der Kollege telefonierte. Uhrmann war weit gesprungen. Der alte, gebeutelte Uhrmann aus Rastbüchl nach all den Jahren der Niederlagen. Das klang nach einer guten Geschichte, nach einem Lehrstück vom Fallen und Aufstehen aus dem Theater Olympias. Aber der Kollege telefonierte nicht wegen Uhrmann. Er sprach über eine Katastrophe. Er legte auf.
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"Was ist los?" "Ein Rodler aus Georgien ist tot." "Was?"
Bei Olympia gibt es den Tod nicht. Die Spiele feiern ein Fest der Jugend und der kleinen Fragen, und wenn der Tod doch einmal in ihre bunte Landschaft einbricht, fühlt man sich als Berichterstatter wie ein Clown im falschen Film. Die Gedanken, die einem gerade noch wichtig waren, wirken plötzlich wie Verrat am Ernst des Lebens.
Olympia-Reporter berichten aus dem Paradies, aus einer reichen Scheinwelt, und meistens an den Härten des Lebens vorbei. Das ist kein Fehler, man muss nur wissen, was das bedeutet. Wir sind bei diesen Spielen Betrachter einer Show auf Eis und Schnee. Durch unser Interesse bestärken wir Sportler darin, sich Kräften auszusetzen, die im Grunde zu groß sind für einen menschlichen Körper. Wir können Unglücke im Wintersport weder verhindern, noch kann sie uns jemand zur Last legen. Aber wir können uns auch nicht vormachen, wir hätten gar nichts damit zu tun.
Die Stunden nach dem Tod Nodar Kumaritaschwilis waren seltsam. In Whistler spielten Straßensänger ihre Lieder. Die Leute lachten im Regen. Die Stimmung war geprägt von Vorfreude und Neugier auf das, was in den nächsten Tagen folgen wird, das Leben ging unnachgiebig weiter. So viele Bilder schossen vorbei, die nicht zueinander passten. Die bunten Tänze der Eröffnungsfeier, die fröhlichen Sportler beim Einmarsch der Nationen. Dazwischen: die traurigen, gebeugten Männer der georgischen Mannschaft.
Und später am Abend im Café liefen die Nachrichten. Noch einmal flimmerte die Pracht der Auftaktzeremonie über die Fernsehschirme, im nächsten Moment Kumaritaschwilis schrecklicher Sturz. Tod und Freude lagen nur eine Schalte, einen Gedanken, einen Blick auseinander an diesem Tag, nach dem wir uns schließlich in einen neuen Tag retteten und in die Sicherheit unserer kleinen Fragen an Skispringer und Biathleten.
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(SZ vom 15.02.2010/hec)
Bürgermeister in Baden-Württemberg
Das erlebt man allerdings immer wieder. Wie entspannt war doch Magdalena Neuner, als sie ihre Silberne in der Hand hielt. Es muss ein enormer Druck auf ihr gelastet sein, wenn man die Vorberichte verfolgt hat, die nicht erst in den letzten Tagen geschrieben wurden. Man erwartet von der jungen Frau unbedingt eine Goldmedaille und wehe sie enttäuscht die Medaillengeier unter den Sportjournalisten.
Man hört jetzt schon wieder ständig: "Bei Olympia zählt der Platz gar nichts - nur wenn man eine Medaille gewinnt ist man ein Sieger!"
Dabei ist das völlig falsch, denn das Olympische Motto lautet, "Dabei sein ist alles!"
Wer es also geschafft hat, sich zu qualifizieren, also unter vielen Mitkämpfern zu denen zu gehören, die dann auch bei Olympia dabei sind, hat doch schon gewonnen. Das sind alles Sieger - zumindest dann, wenn sie sich nicht gerade einem Verband angeschlossen haben, bei dem sie konkurrenzlos für Olympia gemeldet wurden.
Die, die dabei sind, ermitteln unter ihnen die besten. Da sind dann oft nur wenige Meter, Hunderstel, Tausendstel, Törchen etc., die schließlich darüber entscheiden, wer sich Olympiasieger oder Medaillengewinner nennen darf.
Natürlich wollen die Favoriten gerne auch eine Medaille mit nach Hause nehmen und sind enttäuscht, wenn es nicht klappt, aber ein Journalist darf gar nicht enttäuscht sein. Journalisten haben lediglich zu berichten und nicht anzutreiben. Besonders schlimm kommt das immer wieder raus, wenn in den unvermeidlichen Interviews dumme Fragen gestellt werden. Vor allem wenn es Fragen sind, zu denen der/die Sportler/in gerade vorher schon eine Antwort gegeben hat. Z. B. im Biathlon: "Warum haben sie 2x daneben geschossen? - Was lief da verkehrt?", nachdem die Athletin gerade eben erklärt hat, wie es ihr am Schießstand ergangen ist. Die armen Sportler sollen in dem Moment was erklären, wofür sie selbst (noch) überhaupt keine Erklärung haben können.
Auch extrem ist dieses chauvinistische, fast schon nationalistische geiern nach Medaillen für das eigene Land. In erster Linie gewinnt der Sportler für sich und nicht für sein Land.
Schön, wenn man ein wenig Statistik macht, aber dieser Medaillenspiegel, der ständig zwischen den Nationen vergleicht und Tag für Tag, Medaille für Medaille vorrechnet, welches Land besser als das andere (wieder mal) ist, gehört eigentlich seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in eine ganz untere Schublade. Wann werden das die Sportmedien endlich verstehen?
Zumindest empfinde ich das so.
Das "Schneller", "Höher", "Weiter" gilt doch hier nicht in dem extremen Maß.
Anders als z. B. bei einer Skiabfahrt, wo man zwar ein gewisses, vielleicht auch zurecht gemachtes Gelände vorfindet, aber darin dann einen Kurs so oder so stekcen kann, ist die Betonröhre eines Eiskanals doch ziemlich fest. Es bestehen nur relativ geringe Möglichkeiten, wie man nach Fertigstellung einer solchen Röhre noch die Fahrt selbst beeinflussen kann. Wie man jetzt sieht, z. B. durch Verlegung des Starts weiter runter, damit die Rodels nicht gar so schnell werden. Das wars dann aber auch schon ziemlich. Ansonsten habe ich bisher noch kaum bei einem Rennen erlebt, dass es um Geschwindigkeitsrekorde ging. Allenfalls um Bahnrekorde, die nun mal von der Bahn abhängen. Dass in Whistler offenbar Veranstalter und/oder Architekten eine Bahn zu bauen, die besonders spektakulär, schwierig und rasant wird, kann wohl nicht Journalisten angelastet werden. Hier wurde aber offenbar bei der Konstruktion weit über das Ziel hinaus geschossen. Man bedachte nicht, dass auch immer Fahrer dabei sind, die noch nicht so routiniert sind und in ganz schwierigen Situationen eben die Kontrolle verlieren können.
"Sie müssen sich aber bewusst sein, dass sie Sportler an körperliche Grenzen treiben." Und nicht nur die, gell!
Schuld ist sehr relativ und schwer zu bewerten, wenn der Schuldige nicht mit dem blutigen Messer über der Leiche steht.
Vielleicht ist es besser zu sagen "Die Presse"? Aber wer ist "Die Presse"? Letztlich doch jeder einzelne Journalist, wenn er vor seiner Tastatur sitzt.
Reiner Amateursport existiert heute nur noch in Nischen. Also hat fast jeder Sport auch mit Kommerz zu tun. Kommerz bedeutet Werbung, bedeutet Öffentlichkeit. Und diese stellt der Journalist her.
Auf der anderen Seite interessiert sich die Öffentlichkeit nur noch für das Schneller, Höher, Weiter. Was gestern toll war ist heute öd und so bleibt nur noch der Weg näher an die Grenze.
Für den Sportler an die eigene physische Grenze mit Hilfe der Pharmaindustrie.
Für die Veranstalter an die Grenze der Sicherheit.
Leider!