WM-Trainingslager Das DFB-Raumschiff landet in Südtirol

Zurück auf bewährte Straßen: Im Mai 2010 erkunden Bundestrainer Joachim Löw (r.) und Chefscout Urs Siegenthaler die Umgebung von Eppan.

(Foto: imago/DeFodi)
  • An diesem Mittwoch bezieht die deutsche Nationalmannschaft ihr WM-Trainingslager in Eppan in Südtirol.
  • Schon 2010 war das DFB-Team dort, 2014 bereiteten sie sich in der Nähe aufs Turnier vor.
  • Der Ort steht deshalb für Erfolg - aber auch dafür, dass tragende Teile des Kaders allmählich in die Jahre kommen.
Von Christof Kneer, Eppan

Für die Besucher des Hundeplatzes unweit der Tennisanlage Rungg wird bis zum 7. Juni die Anfahrt über die Pizzeria Gaiser empfohlen. Außerdem, so meldet das Überetscher Gemeindeblatt, solle in den kommenden zwei Wochen "für die Ausübung der Freizeitaktivitäten im Montiggler Wald der große Waldparkplatz Verwendung finden". Nichts gegen den Waldparkplatz, aber ein bisschen schade ist es natürlich schon, dass die kleine Straße rüber zum Sportzentrum in dieser Zeit kaum gewürdigt werden wird. Tadellos asphaltiert schneidet sie oberhalb des kleinen Walds durch die Landschaft, der Belag ist kaum zwei Wochen alt. Aber sie ist leider gesperrt, niemand wird sie befahren dürfen, außer der deutschen Nationalmannschaft und ihren dienstbaren Geistern sowie diesen Journalisten, die bestimmt wieder nur irgendwelche gemeinen Geschichten suchen werden. Kein Auge werden sie haben für die Ästhetik dieses frischen Asphalts.

An diesem Mittwoch also wird das Raumschiff landen, direkt an der schönen Südtiroler Weinstraße südlich von Bozen. Bis zum 7. Juni wird die deutsche Fußball-Nationalmannschaft samt ihrer gewaltigen Besatzung im selbstverständlich extra umgebauten Fünf-Sterne-Hotel Weinegg in Eppan Quartier beziehen und in der selbstverständlich extra erweiterten Sportzone Rungg trainieren, und wie immer wird sie ihre eigene Zeitzone, ihre eigene Sprache und ihre eigenen Regeln mitbringen. Kein Anrainer darf in den kommenden zwei Wochen einfach so zu seinem Haus fahren, sofern es versehentlich in der Einflugschneise des Raumschiffs liegt. Der Anrainer muss jetzt Umwege fahren und Ausweise herzeigen, und in seiner Eigenschaft als Steuerzahler muss er auch akzeptieren, dass die Gemeinde Eppan und das Land Südtirol offenbar einen mittleren sechsstelligen Betrag investiert haben, um das Raumschiff zum Landen zu bewegen.

Das dritte WM-Trainingslager in Südtirol unter Joachim Löw

In den vergangenen Tagen haben die Südtiroler die Sportzone Rungg in einen Raumflughafen verwandelt, sie haben das Gelände blickdicht versiegelt und Plakate mit fremdländischen Zeichen aufgehängt. An Bord des Raumschiffs wird bekanntlich Bierhoffisch gesprochen, eine rätselhafte Sprache, die Parolen wie #zsmmn halten, #zsmmn angreifen, #zsmmn verteidigen, #zsmmn Großes erreichen oder #zsmmn für Deutschland hervorbringt.

So was hängt da jetzt, in der Sportzone Rungg.

Die WM in Russland (14. Juni - 15. Juli) wird Joachim Löws dritte Weltmeisterschaft als allein verantwortlicher Bundestrainer werden, und zum dritten Mal hat er sein WM-Trainingslager nach Südtirol verlegt. So sind die Südtiroler sogar in ihrer Eigenschaft als Steuerzahler inzwischen durchaus stolz darauf, dass ihnen ein ausführliches Kapitel in der deutschen Turniergeschichte gehört. 2014 nahmen Löws Spieler im Passeiertal jene Stimmung auf, die sie dann im berühmten Campo Bahia zur Weltmeister-Stimmung veredelten; 2010 waren die damals sehr jungen Deutschen schon mal in Eppan und entwickelten dort jenen Spirit, der sie beim Turnier in Südafrika zur Weltattraktion machte und auf den dritten Platz fliegen ließ; und in Eppans Nachbargemeinde Kaltern haben sich schon die 1990er-Weltmeister vorbereitet. Im Hotel von damals hängen immer noch Bilder von Klaus Augenthaler.

Natürlich soll die aktuelle Quartierwahl also auch diese Botschaft senden: Ja, wir wollen wieder Weltmeister werden, am besten alle #zsmmn. Vermutlich ohne es zu wollen, illustriert der schöne Ort an der Weinstraße aber auch etwas anderes: In Eppan zeigt sich, was das für ein Kader ist, mit dem Löw nach Russland fliegt. Ja, es ist ein Kader, dem auch Timo Werner angehört, der erst 14 war, als der DFB im Mai 2010 letztmals das Hotel Weinegg bewohnte; es ist aber vor allem ein Kader, dessen Erfolg immer noch extrem von Sami Khedira, Jérôme Boateng, Mesut Özil, Thomas Müller, Manuel Neuer und Toni Kroos abhängt.