Nationalmannschaft Das Problem der Deutschen mit Özil

Härter kritisiert als andere: Mesut Özil beim Spiel gegen Mexiko

(Foto: REUTERS)
  • Durch Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan ist Mesut Özil für viele endgültig zur Reizfigur geworden.
  • Auch sportlich ist er der am häufigsten kritisierte deutsche Nationalspieler - doch das meist zu Unrecht.
  • Viele seiner Kritiker verstehen Özils Fußballspiel nicht.
Von Martin Schneider, Moskau

Mesut Özil wird oft besungen. Nicht in diesen Tagen. Aber in London, wo er beim FC Arsenal Fußball spielt, haben ihm Fans ein Lied gedichtet, das gerne angestimmt wird: "We've got Ozil - Meeeeeesut Ozil / I just don't think you understand / He's Arsène Wenger's man / He's better than Zidane - We've got Mesut Ozil." Es enthält einen Satz, der auf Mesut Özil auf mehreren Ebenen zutrifft. Nicht dass er Wengers Mann ist oder besser als Zidane. Sondern: "Ich glaube nicht, dass ihr versteht".

Viele Menschen verstehen Özil nicht. Seit er sich kurz vor der WM gemeinsam mit dem umstrittenen türkischen Staatspräsidenten Erdoğan fotografieren ließ, sind es noch mehr. Doch Özil wird schon seit längerem härter angefasst als seine Kollegen. Das war bei der WM 2014 so, das ist jetzt nach dem 0:1 gegen Mexiko der Fall, nachdem er aus einer insgesamt schwachen deutschen Mannschaft vor allem in den Kritiken der Boulevard-Medien herausgehoben wird.

Die vermeintlich sportlichen Argumente gegen ihn waren schon vor den Erdoğan-Fotos die gleichen. "Diese Körpersprache", heißt es, oder "die hängenden Schultern". Oder: "Das Spiel geht an ihm vorbei." Und tatsächlich immer noch: "Er ist nicht bei der Sache, weil er die deutsche Hymne nicht mitsingt."

Thomas Müller ist ihm ähnlich - aber viel beliebter

Das Phänomen hat mehrere Ebenen. Angefangen damit, dass Mesut Özil ein Fußballer für den zweiten Blick ist, ein Spieler, der im Sekundenbruchteil brilliert. Ob die Schultern hängen, ist völlig egal, wichtig ist sein Fußgelenk. Er kann an guten Tagen mit einer Bewegung seines Knöchels Abwehrreihen zerschneiden. Alles, was er dafür braucht, ist sein Gefühl für Ball, Raum und Moment. Er erfasst Situationen um sich herum schneller als andere Fußballer, er findet einfache Lösungen für komplizierte Probleme - manchmal durch einen Schritt, manchmal durch eine Drehung. Im modernen Fußball ist das System der Gegner und Özil sieht das System und erkennt seine Schwächen. Oft ist gar nicht entscheidend, was er tut, sondern nur wann er es tut. Er ist der Meister des Timings und Meister des Details. Aber Details sind eben nicht so leicht zu sehen.

Der Spieler, der ihm in der Nationalmannschaft am ähnlichsten ist, ist Thomas Müller. Müller hat seine Stärke auch nicht in einer fußballerischen Primärtugend, er glänzt nicht durch knallharte Fernschüsse, nicht durch wuchtige Kopfbälle, er ist kein Dribbler oder Sprinter, Muskeln hat er sogar nach eigener Aussage keine und der technisch beste Spieler der Welt wird er in diesem Leben auch nicht mehr. Nein, Müller hat ein ähnliches Gefühl für den Moment wie Özil, nur mit dem Unterschied, dass Özil in die Räume passt und Müller in die Räume läuft.

Aber stürzt sich die Nation auf Thomas Müller? Warum provoziert der eine (Özil) Fußball-Altstars in Talkshows zu unsachlichen Vorwürfen und der andere (Müller) nicht? Ob das etwas mit Rassismus gegen den in Gelsenkirchen geborenen Deutsch-Türken zu tun hat, ist kaum zu beantworten, da muss jeder Kritiker selbst in sich hineinhören. Es fällt aber auf, dass die gleiche Reaktion - überharte Kritik bei schwächerer Leistung - auch den nicht-türkischstämmigen Mario Götze trifft.

Aufmarsch der untoten Alten

Matthäus, Effenberg, Basler: Ein ganzes Heer selbsternannter Rebellen zieht zur WM durch die Fernsehstudios. Sie wissen genau, was der DFB-Elf fehlt - doch was sie sagen, ist häufig leider: falsch. Von Ralf Wiegand mehr ...

Der große Unterschied zwischen Özil und Müller ist noch ein anderer: Müller ist ein Charismatiker. Er ist oft lustig, schlagfertig - auch nach Niederlagen, wie nach dem 0:1 gegen Mexiko stellt er sich vor die Mikrofone und findet passende Worte, meist sogar ohne abgedroschene Fußball-Floskeln zu benutzen. Er spielt beim FC Bayern, man sieht ihn jeden Samstag in der Sportschau, nach Champions-League-Spielen spricht er im ZDF-Studio mit Oliver Welke und Oliver Kahn vor Millionen von Zuschauern und weil die Bayern meistens gewinnen, ist ein gut gelaunter Thomas Müller regelmäßig zu Gast in deutschen Wohnzimmern. Das verbindet.