Lucien Favre beim BVB Perfektionist in der Traumfabrik

  • Borussia Dortmund gibt bekannt, dass Trainer Luvicen Favre beim BVB einen Vertrag bis 2020 erhält.
  • Den Dortmundern ist Favres Verpflichtung dem Vernehmen nach eine Ablösesumme von drei Millionen Euro wert, denn Favres Vertrag in Nizza war noch gültig.
  • Junge Spieler dürften unter dem Perfektionisten Favre besser werden - doch es gibt im Klub auch Reibungspotenzial für Favre, der als nicht immer ganz einfach gilt.
Von Ulrich Hartmann, Dortmund

Die Wallfahrtsorte in der Fußballstadt sind wie ausgestorben. Im Stadion und im Trainingszentrum herrscht Sommerstille. Die Mannschaft ist in Kalifornien, während der künftige Trainer in Nizza seine Sachen packt. Lucien Favre fährt dann heim nach Saint-Barthélemy in der Westschweiz. Erst Anfang Juli wird der 60-Jährige bei Borussia Dortmund offiziell präsentiert.

Am Dienstag gab der Klub bekannt, dass der frühere Trainer von Hertha BSC und Gladbach beim BVB einen Vertrag bis 2020 erhält. Favre soll nach einer mauen Saison, die immerhin so gerade noch mit der Qualifikation für die Champions League endete, einen "Neustart" moderieren. So formuliert das der BVB-Sportdirektor Michael Zorc. Den Dortmundern ist Favres Verpflichtung eine Ablösesumme von gut drei Millionen Euro wert, denn Favres Vertrag in Nizza war noch gültig. Mit der Akquise des Schweizers ist der Großteil der Arbeit beim BVB aber längst nicht erledigt. Nun gilt es, das Team neu aufzustellen - und einen neuen Kapitän zu suchen, da der gestresste Marcel Schmelzer das Amt zur Verfügung gestellt hat.

Glanz und Gloria holen die zuletzt enttäuschenden Westfalen gerade in Los Angeles nach: Walk of Fame, Hollywood, Traumfabrik. Hier zählt der schöne Schein, hier wurden viele Filme gedreht über Mannschaften, die sich ganz nach oben arbeiten. Solche Ziele hegen auch die Dortmunder. Favre gilt als Trainer, der das Potenzial einer Mannschaft ausschöpft. Berlin hat er 2009 in die Europa League geführt. Gladbach hat er 2011 vor dem Abstieg gerettet, danach zwei Mal in die Europa League und 2015 sogar in die Champions League geführt.

Auch OGC Nizza schaffte es gleich in der ersten Saison unter Favre als Dritter in die Champions-League-Qualifikation, scheiterte dort aber an Neapel sowie später im Sechzehntelfinale der Europa League an Lokomotive Moskau. Am vergangenen Samstag verspielte Nizza durch ein 2:3 in Lyon am finalen Spieltag die neuerliche Qualifikation für die Europa League. Auffällig an Favres drei vergangenen Stationen war, dass die Leistungen der Mannschaften am Ende nachließen.

Wiedersehen mit Marco Reus und Mahmoud Dahoud

Umso effektiver hatte er zu Beginn seiner Engagements gearbeitet. In Gladbach reüssierten unter ihm zunächst mit Marco Reus und später mit Mahmoud Dahoud auch zwei Spieler, die er vom Juli an in Dortmund wiedersehen wird. Auch junge Spieler mit großem Offensivdrang wie der Abwehrmann Manuel Akanji, der Zentrumsspieler Julian Weigl oder die Flügelstürmer Jadon Sancho und Christian Pulisic werden unter dem Perfektionisten Favre vermutlich besser.

Die Verpflichtung des Außenverteidigers Stephan Lichtsteiner, 34, wurde offenbar nach Rücksprache mit Favre wieder abgeblasen. Überhaupt hat Favre den Verantwortlichen sicher signalisiert, welche Spieler er auch künftig im BVB-Kader sieht. Mitspracherecht besitzen neuerdings jedoch auch Matthias Sammer als externer Berater und Sebastian Kehl als sogenannter Abteilungsleiter Lizenzspieler. Viel Reibungspotenzial für Favre, der als nicht immer ganz einfach gilt.

Als Fußballer mit ungewisser Zukunft wurden zuletzt unter anderem Nuri Sahin, Shinji Kagawa, Gonzalo Castro und André Schürrle gehandelt. Wie massiv der Umbruch ausfällt, wird sich erst Ende August bilanzieren lassen, wenn das Transferfenster schließt. Noch sind sie alle an Bord. Die Reise nach Kalifornien ist auch für Peter Stöger die finale Aufgabe als Trainer. Anfang Dezember für Peter Bosz eingesetzt, hat Stöger die Vorgabe Champions-League-Qualifikation zwar erfüllt, dabei aber zu selten attraktiven Fußball inszeniert.

Auch von Favre darf man da keine Wunderdinge erwarten. Dem Fußball des BVB-Lieblings Jürgen Klopp durchaus ähnlich, zielen Favre-Mannschaften mit Pressing auf Balleroberungen und Umschaltattacken, gehen dabei aber nicht immer genauso aggressiv und schnell zu Werke. Was die Faktoren Tempo, Leidenschaft und Abschluss angeht, wird der BVB unter Favre höchst interessant, denn eine individuell so gut besetzte Mannschaft hat er noch nicht trainiert. Einer seiner Vorgänger beim BVB, Ottmar Hitzfeld, ist sich daher auch sicher: "Borussia Dortmund wird mit Lucien Favre wieder direkter Konkurrent des FC Bayern." Genau so würden sie es in Hollywood auch in ein Drehbuch schreiben.

"Wir hatten viele Probleme in der Kabine"

Der BVB rettet sich gerade so in die Champions League. Nuri Sahin spricht von Unruhen und findet es gut, dass sich das Team erstmal nicht sieht. Trainer Peter Stöger verkündet seinen Abschied und wirkt erleichtert. Von Tobias Schächter mehr...