Loris Karius Ganz unten angekommen

Bitter enttäuscht und niedergeschlagen lag Karius nach Spielende am Boden

(Foto: dpa)
  • Die Finalniederlage des FC Liverpool gegen Real Madrid ist besonders für Torhüter Loris Karius bitter.
  • Mit zwei schweren Patzern leitete er Liverpools Niedergang quasi sein - und ist nach dem Spiel am Boden zerstört.
Von Sven Haist, Kiew

Egal ob man es mit Real Madrid oder dem FC Liverpool hielt: Nach Abpfiff tat es einfach weh, Loris Karius leiden zu sehen. Aus der Verzweiflung heraus hielt Liverpools Torhüter vor den eigenen Fans die Arme nach oben, um sich für seine Missgeschicke zu entschuldigen. In der Hoffnung, die Menschen würden ihm vergeben, faltete er die Hände ineinander. Sein Gebet richtete sich gen Himmel, auf dass ihm eine höhere Macht beistehe. So trauerte Karius vor sich hin, Tränen überall im Gesicht. Sein Zustand erinnerte an ein Häufchen Elend. So aufgelöst kann nur jemand sein, der gerade den schlimmsten Tag seines sportlichen Daseins erlebt hat - und das in seiner ersten Saison überhaupt in der Champions League.

Diese Szenen gingen am Samstagabend um die Welt, und sie werden weitere Male um die Welt gehen, wann immer die Fußballwelt auf dieses Finale zwischen Liverpool und Madrid zu sprechen kommt. Mit der ewigen Präsenz seiner Tollpatschigkeiten wird Karius zurechtkommen müssen, genau wie mit der Häme, die sich bereits unmittelbar nach dem Spiel über ihm ausbreitete. "Ich fühle gerade gar nichts. Ich habe Liverpool das Spiel verloren", sagte er. "Diese Tore haben uns grundsätzlich den Sieg gekostet. Ich habe mein Team im Stich gelassen, das tut mir total leid. Wenn ich in der Zeit zurückgehen könnte, würde ich das machen."

Nach Spielende sank der 1,90m große Karius im Strafraum zu Boden und verharrte dort eine Zeit lang, kaum fähig sich zu bewegen, den Kopf nach unten auf den Rasen gerichtet. Als Trostspender kamen Reals Nacho und Gareth Bale vorbei, die eigenen Teamkollegen ließen ihn zunächst alleine. Erst bei der Siegerehrung versuchten sie vereinzelt, Karius zu trösten und ihm einzureden, das Geschehene sei nicht gar so schlimm, wie es sich anfühle - aber es war schlimm, sogar sehr schlimm für Liverpool und Karius.

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Mit zwei Fehlleistungen in einer Ausprägung, die einem Schlussmann in der Champions League eigentlich unter keinen Umständen wiederfahren dürfen, leitete Karius, 24, den Niedergang des FC Liverpool im Finale gegen Titelverteidiger Real Madrid ein. Beim 1:3 half der Mann aus dem schwäbischen Biberach an der Riß an den jeweils wegweisenden Stellen in der Partie unfreiwillig für die Madrilenen nach. Beim Versuch, kurz nach der Halbzeitpause einen Konter einzuleiten, warf er den Ball überhastet in den Lauf des gegnerischen Stürmers Karim Benzema, der für seinen Torerfolg lediglich seinen rechten Fuß in den Passweg stellen musste. In der Schlussphase flutschte Karius das Spielgerät nach einem harmlosen Distanzschuss des eingewechselten Bale durch die Hände.

Im Dezember 2016 war Karius in der Premier League beim 1:1 gegen West Ham ein ähnlicher Lapsus unterlaufen, als er einen haltbaren Freistoß von Dimitri Payet nicht abwehren konnte. Dabei gelten seine Fähigkeiten mit den Händen als eine von Karius' Stärken. Sein damaliger Fehler setzte in England eine Diskussion in Gang, bei der das Renommee des jungen Torhüters erheblichen Schaden nahm. Der britische TV-Experte Jamie Redknapp bezeichnete Karius als "Flutschfinger".

Erst im Januar entschied sich Klopp dauerhaft für Karius

Für die festgeschriebene Ablöse von sechs Millionen Euro hatte Liverpool im Sommer 2016 den aufstrebenden Karius aus Mainz geholt. Nach einem Handbruch in der Vorbereitung gelang es ihm nicht, seine Hochform aus der Bundesliga auf der Insel zu bestätigen. Das führte zu ständigen Wechselspielen im Tor zwischen ihm und dem Belgier Simon Mignolet - und innerhalb der Mannschaft zur Frage, auf welchen Torwart sie sich denn nun verlassen können. Erst im Januar entschied sich Trainer Jürgen Klopp dauerhaft für Karius. Dessen Leistungen gewannen fortan an Stabilität, ohne jedoch ein einziges Mal richtig auf die Probe gestellt worden zu sein. In den vorherigen Runden in der Königsklasse setzte sich Liverpool schlicht zu deutlich durch, um ernsthaft geprüft zu werden; im Halbfinal-Rückspiel in Rom kam Karius noch mit dem Schrecken davon, als seine ungestüme Attacke im Strafraum fälschlicherweise nicht mit Elfmeter geahndet wurde - jetzt nicht mehr.

Seine Finalleistung dürfte nun Spekulationen um seine Perspektive bei den Reds nach sich ziehen, trotz seines Vertrags bis Juni 2021. Mit dem Brasilianer Alisson Becker soll der Torhüter der Roma als neuer Herausforderer um die Nummer eins bei Liverpool im Gespräch sein. Verlassen kann sich Karius momentan nur auf seinen Landsmann Klopp, der auf der Pressekonferenz bemüht war, die Situation zu deeskalieren. "Die Fehler sind offensichtlich, darüber müssen wir nicht reden. Er weiß es, ich weiß es, ihr wisst es: Das war nicht seine Nacht", sagte er und fügte anschließend im Sky-Interivew hinzu: "Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht." Als Trainer hat sich Klopp den Ruf erarbeitet, seine Spieler nach schwerwiegenden Patzern nicht direkt auszusortieren. In der Hinrunde hielt er trotz heftiger Kritik an Innenverteidiger Dejan Lovren fest. Das dürfte nun ebenso für Karius gelten, den er extra hat verpflichten lassen - und der ihm nach dem Spiel sichtbar leid tat.

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