Leichtathletik-WM Bolt kehrt zu den Sterblichen zurück

Bei der 4x100-Meter-Staffel der Leichtathletik-WM in London verletzte sich Usain Bolt und stürzte auf die Bahn.

(Foto: REUTERS)
  • Bei der 4x100-Meter-Staffel der Leichtathletik-WM verletzt sich Usain Bolt.
  • Der Weltrekordler stürzt und muss von seinen Staffelkollegen gestützt werden, als er das letzte Rennen seiner Karriere beendet.
  • Bolt verschwindet schnell aus dem Stadion und meldet sich erst spät per Facebook. Nach neun Jahren Klamauk sieht man wieder einen Menschen.
Von Saskia Aleythe, London

Um kurz vor 23 Uhr sollte Usain Bolt seine Stadionrunde drehen, mit der jamaikanischen Flagge um den Hals, mit dem goldenen Schuh am linken Fuß. Er hätte noch einmal über den Stadionsprecher Dankesgrüße ans Londoner Publikum geschickt. Gesagt wie "amazing" oder "unbelievable" die Unterstützung für ihn sei. Dann ein paar Selfies mit jamaikanischen Landsleuten geschossen und allen, die sonst an ihn herangekommen wären. Und - na klar - mit der Sternendeutergeste für alle Kameras posiert, irgendwann auch zusammen mit dem Maskottchen dieser WM.

Doch Usain St. Leo Bolt lag am Samstagabend auf der Tartanbahn. Mit dem Gesicht zum Boden.

Das Drama im letzten Rennen

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Der Jamaikaner hat seinem Sport Bilder geschenkt, die kleben blieben wie ein Etikett, Bilder von Dominanz, Leichtigkeit, Lebensfreude. Am Samstagabend bei der Leichtathletik-WM in London sollte seine Karriere nach 14 WM- und acht Olympiamedaillen am besten noch einmal mit Gold enden. Es lief gut für Jamaikas 4x100-Meter-Staffel, Schlussläufer Bolt lag nach seiner Kurve schnell auf Rang drei und hatte noch 50 Meter Zeit, um zu tun, was ihn all die Jahre ausmachte: Die anderen im Endspurt zu schlagen. Dann ein schmerzverzehrtes Gesicht, der Griff an den Oberschenkel, Stolpern bei hoher Geschwindigkeit, Abrollen, Liegenbleiben. Der Halbgott kam in seinem letzten Rennen zurück zu den Sterblichen.

Kein Fernseh-Interview, keine Pressekonferenz

Vor diesem 12. August 2017 hatte sich der Sport schon lange gefürchtet, mit Bolt verschwindet der größte Anziehungsmagnet der vergangenen Jahre, die Werbeikone, der Zuschauerliebling. "Wir werden seine Persönlichkeit vermissen", hatte Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, gesagt. Und wenn ein Bolt stürzt, hält für gewöhnlich mindestens die Sportwelt den Atem an, doch die Londoner Meute war abgelenkt: Sie hatte mit dem ersten Staffelgold der Briten seit 2004 selbst etwas zu feiern, hinter ihnen holten die USA Silber und Japan Bronze. Als Bolt sich hochgekämpft hatte und die Ziellinie mit Unterstützung seiner Kollegen abschließend überquerte, da schrie auch London wieder für ihn.

Man hätte dem 30-Jährigen nun zugetraut, dass er sich selbst im Rollstuhl noch durch die Arena schieben und feiern lässt, doch Bolt tat nur eines: Er ging weg, kopfschüttelnd. Den Blick beharrlich zum Ausgang gewandt, kein Spiel mit den Kameras, Usain Bolt klatschte noch ein paar Mal über seinem Kopf, ohne sich umzudrehen. Er sollte auch nicht mehr zurückkommen an diesem Abend, der Jamaikaner ging zu keinem Fernseh-Interview, und auch zu keiner Pressekonferenz, die gibt es nur für Medaillengewinner. Bolt war gelaufen, gestürzt, verschwunden. So sah er also aus: der Abschied einer Sprintlegende.