Juventus Turin Der schillerndste Schlussmann der Welt

Gianluigi Buffon: Uneitel genug für einen Tom-Selleck-Bart

(Foto: dpa)
  • Die lange Karriere des Gianluigi Buffon ist vor allem ein großer Bildungsroman: Über die Wandlung eines jugendlichen Hitz- und Wirrkopfes zum lebensklugen Capitano.
  • Buffon ist der schrägste und schillerndste Schlussmann der Welt, und auch noch lange Zeit der beste.
  • In Cardiff steht er zum dritten Mal in einem Champions-League-Finale - und will dort seine Karriere krönen.
Von Birgit Schönau, Rom

Man kann für Real Madrid sein oder für Juventus Turin. Oder für keinen von beiden, vielleicht, weil man Bayern-Fan ist oder weil man gerade mit einer Borussia hadert. Oder, ganz anderer Fall, weil einen die Champions League und der ganze superkapitalistische Kommerz im Fußball schon lange nicht mehr interessieren.

Das alles ist möglich und noch viel mehr. Aber am Samstagabend ist Gigi dabei. Und wie kann man diesem großen, 39-jährigen Jungen, bitte schön, nicht die Daumen drücken? Eben.

Stell dir vor, es ist Finale, und im Tor steht Buffon. Der schrägste und schillerndste Schlussmann der Welt, und auch noch lange Zeit der beste. Ein Typ, wie es ihn im Fußball immer seltener gibt und eigentlich auch schon immer nur sehr, sehr selten gegeben hat. Sein drittes Champions-League-Finale steht nun an in Cardiff, an einem Ort, den man auf der Landkarte, auf internationalen Flugplänen und auf der Liste der Geburtsorte von Nobelpreisträgern eine ganze Weile suchen muss. In Cardiff also will, nein, muss Gigi jetzt endlich mal gewinnen. Schon klar, bei der Gegenmannschaft kickt ein gewisser Cristiano Ronaldo oder CR7. Der hat schon drei Mal den Ohrenpokal geholt und will Gigi nun in seiner üblichen Bescheidenheit zwei reinballern. Könnte klappen. Die Frage ist: Wer außer CR7 und den Madrilenen will das?

Abschied von König Checco

Der Römer Francesco Totti beendet seine einzigartige Fußballkarriere. Seine Devise war: Lieber Volksheld bei AS Rom als Vasall bei Real Madrid. Doch wer kommt nach Totti? Von Birgit Schönau mehr ...

Von CR7 steht auf seiner Heimatinsel Madeira ein Bronzedenkmal. Gianluigi Buffon gibt es nicht als Statue, dabei stammt er aus Carrara, der Stadt des weißen Marmors, aus dem schon ein gewisser Michelangelo seinen David klopfte. Beide Eltern Buffons waren Leichtathleten, die Mutter Maria Stella sogar dreimal italienische Meisterin im Kugelstoßen, die älteren Schwestern spielten Volleyball - eine äußerst sportliche Familie. Gigi entschied sich für den Fußball und wurde glühender Fan des Heimatklubs Carrarese Calcio - für den er nie spielte, zu dessen Heimspielen er aber auch als junger Profi bei Parma und Juventus noch fuhr, wann immer es möglich war. Mit dem Zug, meistens ohne Fahrkarte: "So oft, dass es in meiner Spielerstatistik auftauchen könnte", heißt es in seiner Autobiografie Numero 1: "Gianluigi Buffon: soundsoviele Elfmeter pariert, soundsoviele Tore kassiert, soundsoviele Schwarzfahrten absolviert."

Inferno von Wettsucht, Depression und Zwangsabstieg

In Turin ließ man ihm nicht nur durchgehen, dass auf seinen Torwarthandschuhen der Schriftzug C.U.I.T prangte, die Abkürzung für Comando Ultrà Indian Trips, die organisierten Fans aus Carrara. Juve duldete es auch, dass der Kapitän später seinen Herzensklub kaufte. Von 2010 bis 2016 war Buffon als Patron von Carrarese Klubbesitzer in der dritten Liga. Es endete damit, dass er auf dem Klubgelände Marmorblöcke versteigern ließ, den Verein aber trotzdem nicht halten konnte, ebenso wenig wie das Textilunternehmen Zucchi. Der Traditionsbetrieb konnte nach fünf Jahren Buffon gerade noch vor der Pleite gerettet werden. Gigi Nazionale verlor eine Menge Geld, sorgte aber dafür, dass keiner der 1 200 Mitarbeiter entlassen wurde. Sein Traum, ein anständiger Unternehmer zu werden, war geplatzt. Von seinem kleinen Imperium blieb ein Strandbad an der heimatlichen Riviera.

Und es blieb der Anstand. Das Wichtigste also, denn die lange Karriere des Gianluigi Buffon ist vor allem ein großer Bildungsroman und der Protagonist Gigi ein italienischer Wilhelm Meister. Eine ganze Nation nimmt Anteil an der Wandlung eines jugendlichen Hitz- und Wirrkopfes zum lebensklugen Capitano, dessen Weg durch das Inferno von Wettsucht, Depression und Zwangsabstieg in die zweite Liga führt, aber auch über die olympischen Höhen eines Weltmeistertitels, eines Uefa-Cups und acht gewonnener Landesmeisterschaften. Und doch ist es nicht der Erfolg, der Buffon - Rekordhalter mit 974 torlosen Minuten in mehr als 1000 Profispielen - zum beliebtesten Fußballer Italiens macht. Eher ist es das stets öffentlich zelebrierte Ringen darum, ein anständiger Mensch zu sein, im Reinen mit sich und der Welt, aber ohne den Hauch von Konformismus. Nur das Mutterland des Individualismus konnte wohl ein solches Prachtexemplar hervorbringen wie Buffon. Einen, der derart aus der Rolle fällt und doch als leuchtendes Vorbild zwei Generationen von Fußballern überstrahlt.