Jürgen Klopp "Kevin Boateng ist ein Riesentyp"

Klopp: Unterschiedlich. Natürlich stapfen manche sofort in die Kabine. Man kann es ja auch nicht schönreden. Ich habe schon Wochen gehabt, wo ich drei Leute aus dem Kader herauslassen musste, obwohl sie super trainiert hatten. Ich helfe mir dann manchmal so, dass ich die Bankbesetzung von Woche zu Woche wechsle. Für jeden Spieler ist es mental sehr wichtig, wenigstens ein paar Minuten eingewechselt zu werden.

SZ: Sie hatten in der vergangenen Saison in dem gebürtigen Berliner Kevin-Prince Boateng einen Spieler, der als besonders schwieriger Fall eingeschätzt wird. Haben Sie da kapituliert?

Klopp: Man muss sich Kevin als einen Fußballer vorstellen, der Dutzende von Optionen hat, wie er an einem Gegenspieler vorbeizieht. Ich selbst hatte als Spieler zwei: links vorbei, oder rechts vorbei. Kevin Boateng kann den Ball auf hundert Arten annehmen. Aber das Spiel taktisch lesen konnte er nicht. Er war aber ganz wild darauf, in diesem Bereich etwas zu lernen. Bei einem wie Kevin blitzt das Talent immer nur auf - aber das Gesamtpaket als Fußballer müsste man entwickeln. Wir hätten ihn gerne behalten, aber wir hatten einfach nicht das Geld, das sein Klub Tottenham verlangt hat. Wenn wir morgen das Geld hätten, wäre er übermorgen wieder da.

SZ: Aber Boateng gilt vor allem menschlich als schwierig. Sie reduzieren es auf das Fußballerische.

Klopp: Wenn er von seinen Erfahrungen so erzählt, ist das interessant. Aber glauben Sie's mir: Kevin ist ein Riesentyp. Der hat auch jetzt noch viele Freunde in der Mannschaft. Der fährt zwar mit einem zu dicken Auto herum, aber er weiß auch, wo er finanziell herkommt, und er wird sehr aufpassen, dass er dahin nicht zurück muss. Nein, es geht ums Fußballerische: Es wäre ein Projekt gewesen, ihm die sogenannte Positionstechnik beizubringen. Ihm zu sagen: Spiel ganz einfach, spiel nicht mit dem Außenrist, bevor es nicht 4:0 für uns steht. Ich beneide Uli Hoeneß, wenn er über einen Timoschtschuk sagen kann: Der braucht noch Zeit, lasst ihn sich entwickeln. Bei elf Millionen Ablöse! Wir können uns solche Projekte leider im Moment nicht leisten. Bei uns muss jeder, der eine Ablöse kostet, auch ein Volltreffer sein.

SZ: Sie werden aber nicht verhindern können, dass Spieler abdriften und zum Stinkstiefel werden, wenn Sie sie eine Weile nicht aufstellen.

Klopp: Ich glaube, dass wir es bei Borussia ausschließlich mit netten Kerlen zu tun haben. Und ich glaube, dass niemand zum Arschloch mutieren wird, wenn wir ihm nicht die Gelegenheit dazu geben.

SZ: Sie gelten als besonders moderner Trainer. Aber man hat ein bisschen den Eindruck, dass Sie eher für alte Werte stehen. Versuchen Sie ihren Spielern die selben Werte zu vermitteln?

Klopp: Ich sage ihnen: Man kann sich nicht jedes Jahr in einen anderen Verein verlieben. Es darf einem nicht egal sein, in welcher Stadt man lebt, wo man arbeitet, wer deine Freunde sind. Die Jungs sollen sich ansehen, was es bedeutet, bei Borussia Dortmund zur lebenden Legende zu werden: Sei das Aki Schmidt, Sigi Held, Michael Zorc, Lars Ricken, Flemming Povlsen, Murdo MacLeod. Alle Dinge, die man im Vorbeigehen erledigt, haben keinen Wert. Der Mann an sich fühlt sich besser, wenn er ein Trikot anhat, das ihn verbindet. Dortmund ist für keinen unserer Spieler nur eine Durchgangsstation. Das sage ich ihnen.

SZ: Kommen wir noch einmal zu der Frage des Drucks. Gerade im Dortmunder Stadion, mit regelmäßig um die 80.000 Fans, scheint doch ein enormer Druck zu entstehen. Heimspiele scheinen generell für viele Mannschaften zum Problem geworden zu sein.

Klopp: Wir haben uns eines vorgenommen: Diese spezielle Dortmunder Kulisse bedeutet eine riesengroße Lust. Das pusht total. Da spielen zu dürfen kitzelt die allerletzten Prozentchen heraus. Angst ist doch meist nur eine Einbildung. Leute fürchten sich vor wer weiß was. Die haben Angst, dass jemand sie in ihrer Wohnung überfällt, obwohl da 50 andere Mieter im selben Haus wohnen. Generell stimmt natürlich, dass ein Fußballer viel früher einem enormen Druck-Erlebnis ausgesetzt ist, als Menschen in vielen anderen Berufen. Man muss versuchen, jeden bei seinen eigenen Ängsten abzuholen. Ich habe schon als junger Spieler bei Eintracht Frankfurt die D- und C-Jugend trainiert. Da hattest du den elfjährigen Türken, bei dem die ganze Familie sehnsüchtigst will, dass der Junge Fußballprofi wird. Und den elfjährigen Gymnasiasten, dessen Mutter kritisch fragt: Musst du jetzt schon wieder zum Training, Junge? Jeder Spieler braucht etwas anderes.

SZ: Und? Was macht man?

Klopp: Es hilft immer nur eins: Die Dinge offen ansprechen, sie thematisieren, drüber reden. Schon dadurch, dass man offen darüber redet, löst sich das meiste von allein.