IOC-Präsident vor Sotschi Thomas Bach kritisiert fernbleibende Politiker

Thomas Bach, IOC-Präsident.

"Die Athleten sollten von den Politikern unterstützt werden": Nach der Kritik an den Winterspielen im Sotschi geht IOC-Präsident Thomas Bach zum Gegenangriff über. Er relativiert das Anit-Homosexuellen-Gesetz Russlands und lobt die Protestzonen.

Thomas Bach wehrt sich: Nach monatelanger Dauerkritik an den Sotschi-Spielen hat der IOC-Präsident das umstrittene Großereignis an der russischen Schwarzmeerküste verteidigt und ist in die Offensive gegangen. Der Ober-Olympier rügte die zahlreichen Politiker für ihren demonstrativen Verzicht auf eine Reise zu den Olympischen Winterspielen und übte damit indirekt auch Kritik an Bundespräsident Joachim Gauck.

"Ich finde, wenn Politiker eine politische Botschaft haben, dann sollten sie auch den Mut haben, diese Botschaft im direkten Dialog mit den politisch Verantwortlichen vorzubringen und sie nicht auf dem Rücken der Athleten zu transportieren", sagte der Chef des Internationalen Olympischen Komitees in einem Interview der Frankfurter Allgemeine Zeitung. "Die Spiele sind für die Athleten da und den Sport. Die Athleten sollten von den Politikern unterstützt werden."

Knapp zwei Wochen vor der Eröffnungsfeier forderte der 60-Jährige eine Versachlichung der Diskussion. "Man darf nicht den Fehler machen, dass man die politische Meinung über ein Land auf die Spiele überträgt", erklärte Bach und behauptete, die "russische Seite" halte ihre gemachten Zusagen ein. Sogar Kremlchef Wladimir Putin, der sein Prestigeprojekt unter allen Umständen zum Erfolg führen will, respektiere "in diesem Zusammenhang" die olympische Charta. Von Putin-Spielen will Bach trotzdem nichts wissen. "Es sind Olympische Spiele in Russland."

Der Wirtschaftsanwalt aus Tauberbischofsheim begründete die Vergabe der Spiele an den russischen Kurort mit dem Neuaufbau eines neuen Wintersportzentrums in Russland nach der Auflösung der Sowjetunion. "Das war das Projekt, das dem IOC vorgestellt wurde, und das gewählt worden ist", sagte er der FAZ und versuchte damit, die Vorwürfe zu entkräften, die Ringe-Organisation habe ihr Premiumprodukt vor allem aus wirtschaftlichen Erwägungen nach Russland vergeben.

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Bach betonte zudem, das IOC habe sich in Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch auch um Umweltfragen und die ausgebeuteten Wanderarbeiter gekümmert. "Es hat eine Fülle von Problemen gegeben, aber man sollte auch zur Kenntnis nehmen, dass das IOC sich ihrer angenommen hat, so weit sie mit den Spielen zu tun hatten", so Bach. Diese Initiative habe sogar zu einem Treffen zwischen dem russischen Vizepremierminister und dem russischen Ombudsmann für Menschenrechte geführt. "Als Folge wurde eine Übereinkunft erzielt, dass kurzfristig 277 Millionen Rubel (5,86 Millionen Euro) an Löhnen nachbezahlt werden", sagte Bach.

Selbst die Empörung westlicher Länder über das russische Anti-Homosexuellen-Gesetz wertete der IOC-Chef als positive Auswirkung der Spiele. In weltweit mehr als 70 Ländern sei Homosexualität verboten - im Gegensatz zu Russland. "Ich verteidige diese Gesetze nicht, dass da kein Zweifel aufkommt. Sie sehen aber gerade, welche Wirkung die Vergabe der Spiele hervorruft. Die Augen der Welt richten sich darauf. Zur gleichen Zeit finden in Nigeria drakonische Verschärfungen der Gesetzgebung gegen Homosexualität statt, die kaum wahrgenommen werden. Die aktuellen Diskussionen sind also eine positive Wirkung der Spiele", sagte Bach.

Auch die Einrichtung von streng regulierten Protestzonen außerhalb des Olympia-Zentrums von Sotschi versuchte er als Erfolg zu verkaufen. "Es gibt jetzt schon Menschen in Russland, die ihre Meinung frei äußern. Auch hierzulande bedürfen Demonstrationen der Genehmigung. Und dem Sicherheitsbedürfnis der Spiele muss Rechnung getragen werden", meinte Bach. Protestzonen würden in vielen Bereichen angewendet, "etwa bei G8- und G20-Gipfeln in Frankreich, Kanada und anderen Ländern, weil hier der Ausgleich zwischen Sicherheitsbedürfnis der Veranstaltung und Demonstrationsfreiheit gesucht werden soll". Bei den Peking-Spielen 2008 hatte es ebenfalls ausgewiesene Areale gegeben, in denen Demonstrationen erlaubt waren. Aus Furcht vor Strafen waren diese allerdings nicht genutzt worden.