Interview mit Philipp Lahm "Ja, der Trainer hat recht"

Abwehrspieler Philipp Lahm über seinen kritisierten Vorgesetzten Louis van Gaal, unglückliche Transfers und die fehlende sportliche Identität des FC Bayern.

Interview: Andreas Burkert und Christof Kneer

SZ: Herr Lahm, Sie könnten jetzt beim FC Barcelona spielen, haben aber im Frühjahr 2008 die Offerte ausgeschlagen und beim FC Bayern verlängert. Bereuen Sie die Entscheidung inzwischen?

Philipp Lahm: Bereuen mit Sicherheit nicht, weil ich immer noch der Meinung bin, dass hier bei Bayern etwas entstehen kann. Und warum soll ich gehen, wenn ich glaube, dass ich es hier haben kann, zu Hause, bei meinem Verein, bei dem ich groß geworden bin? Aber man muss die Lage natürlich kritisch analysieren.

SZ: Die Lage ist in der Tat seit dieser Woche kritisch: Es droht das vorzeitige Aus in der Champions League.

Lahm: Wenn man unsere Mannschaft mit anderen Topteams aus der Champions League vergleicht, dann sind diese eben auf sieben, acht Positionen strategisch erstklassig besetzt - und das fehlt uns. Wenn man sich mit Barcelona, mit Chelsea, mit Manchester United messen will - dann braucht man als FC Bayern eine Spielphilosophie. Das muss auch das Ziel des Vereins sein.

SZ: Massiv investiert hat der Verein ja in den vergangenen Jahren durchaus.

Lahm: Aber ich glaube, in der Vergangenheit lief das mit den Transfers nicht immer glücklich. Sicher lag es auch daran, dass wir in den letzten Jahren verschiedene Trainer mit verschiedenen Vorstellungen hatten. Aber man muss auch ganz klar feststellen: Vereine wie Manchester oder Barcelona geben ein System vor - und dann kauft man Personal für dieses System. Man holt gezielt Spieler - und dann steht die Mannschaft.

SZ: Und der FC Bayern?

Lahm: Wir haben zum Beispiel Arjen Robben geholt, weil er ein sehr guter, internationaler Spieler ist. Aber wir haben ihn nicht geholt, weil wir gesagt haben: Okay, wir spielen jetzt künftig im 4-3-3-System. So etwas gibt es bei uns nicht: Dass der Verein etwas vorgibt und alles darauf aufgebaut wird.

SZ: Ihnen fehlt bei Bayern eine Philosophie, eine fußballerische Identität?

Lahm: Ja, denn genau so muss es doch gehen: Man sagt, okay, wir spielen jetzt 4-3-3 in den nächsten Jahren, und dann überlege ich: Welche drei Spieler hole ich dafür im zentralen Mittelfeld? Die zwei offensiven haben wir mit Sicherheit mit Ribéry und Robben, und einen richtigen Stürmer, der vorne drin ist, haben wir auch. Sogar mehrere.

SZ: Woran hakt's dann?

Lahm: Wir brauchen im Mittelfeld Spieler, die man aus der Abwehr immer anspielen kann. Das muss gar nicht jemand sein, der auch mal einen ausspielt, wie Xavi oder Iniesta beim FC Barcelona. Schauen Sie Chelsea an: Ein Frank Lampard, ein Michael Ballack, die spielen auch nicht wirklich einen aus - aber sie interpretieren so routiniert ihre Position, dass du sie immer anspielen kannst. Ich glaube einfach, unser größtes Problem liegt im Mittelfeld. Man macht uns ja den Vorwurf, dass wir zu viel hinten herum spielen ...

SZ: ... was der neue Trainer Louis van Gaal vorgibt, er verlangt Ballkontrolle.

Lahm: Ja, und das ist auch wichtig, aber jetzt müssen wir anfangen, mehr nach vorne spielen. Nur: Wen soll man denn anspielen? Wo ist jemand, der mal was bewegt, der den Ball zur Seite mitnimmt, nach vorne schaut und irgendwie den Ball durchsteckt, dass man nachrücken kann? Das passiert bei uns kaum.

SZ: Das berüchtigte Kreativloch im Zentrum des FC Bayern, das schon seit Jahren klafft.

Lahm: Und dann holt man zum Beispiel Anatolij Timoschtschuk, eine Art zweite Nummer sechs - aber dann spielt man nach Robbens Transfer plötzlich wieder nur mit einer Nummer sechs!

SZ: Demnach wäre der teure Timoschtschuk plötzlich überflüssig.

Lahm: Oder er spielt wirklich auf der Sechs und nicht rechts im Mittelfeld.

SZ: Mit anderen Worten: Die ständigen Ballstaffetten sind auch Ausdruck einer gewissen Ratlosigkeit?

Lahm: Wie gesagt, Ballbesitz ist sehr wichtig. Auch Barcelona hat sehr, sehr viel Ballbesitz - aber sie haben eben auch Spieler, die sagen: ,Okay, jetzt geht's nach vorne.' Das ist das, was uns fehlt. Ich sehe unsere Spiele der letzten Wochen und frage mich: Wer soll das denn machen bei uns? Und jetzt haben wir ja nur über eine Position geredet. In der Bundesliga reicht es vielleicht, wenn du dort gut besetzt bist. Aber international brauchst du eben mindestens acht Spieler, die auf ihrer Position ausgebildet sind, Sicherheit haben und damit konkurrenzfähig sind. Ich sehe diese acht Spieler bei uns nicht, und das liegt nicht an den Spielern, sondern an der fehlenden Philosophie über die letzten Jahre.

Auf der nächsten Seite: Lahm über Unterschiede zur Einkaufsstrategie von Barcelona und die Frage, ob er links oder rechts spielen will.

Küsse von van Gaal

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