Interview mit DFB-Trainer-Ausbilder "Italien spielte mit Abstand am innovativsten"

Er ist einer von Löws wichtigsten Taktik-Experten: Frank Wormuth erklärt im Gespräch, warum die italienische Mannschaft mit Ideen aus der Vergangenheit so überraschen konnte, was es mit der "falschen Neun" der Spanier auf sich hat und warum die DFB-Elf keinen Dortmunder Stil spielen kann.

Interview: Thomas Hummel

Frank Wormuth ist Leiter der Fußballlehrer-Ausbildung beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) und Trainer der U-20-Nationalmannschaft. Wormuth flog zur EM nach Polen und in die Ukraine im Rahmen einer DFB-Trainer-Beobachtung und sprang zudem für den erkrankten DFB-Cheftaktiker Urs Siegenthaler ein. Ein Gespräch über taktische Trends bei der EM, über die innovativen Italiener, die angeblich stürmerlosen Spanier - und warum die deutsche Mannschaft den Dortmunder Stil nicht verinnerlichen konnte.

SZ: Italien hat bei dieser EM die Fußballwelt überrascht. Sie haben teilweise mit Dreier-Kette gespielt und immer mit zwei Stürmern - eigentlich veraltete Varianten, und dennoch waren sie erfolgreich. Wie konnte das passieren?

Frank Wormuth: Tatsächlich waren Antonio Cassano und Mario Balotelli reine Spitzen, die vorne stehen geblieben sind. Klassische zwei Stürmer. Viele Gegner hatten damit Probleme, vor allem deren Vierer-Abwehrketten. Die Innenverteidiger sind es nicht mehr gewohnt, immer Eins-gegen-eins zu stehen.

SZ: Seit Jahren predigen deutsche Trainer von der Bundesliga bis hinab in die Kreisligen, dass bei Ballverlust alle Mann zurück, alle hinter den Ball müssen.

Wormuth: Das ist Ausdruck eines Sicherheitsbedürfnisses. Aber alle Mann hinter den Ball? Das geht sowieso nicht. Mir gefällt dieser Ausdruck auch nicht, mir liegt eher der Ausdruck: alle zum Ball. Aber auch das ist schwierig, immer umzusetzen.

SZ: Es heißt: Wenn nicht alle nach hinten mitrennen, dann steht man zu offen.

Wormuth: Lassen Sie mal im Training zehn gegen sechs spielen, und Sie werden sehen, wie wenig Tore die zehn schießen. Meistens geht das Spiel 0:0 aus. Bei den Italienern haben die acht anderen Feldspieler sehr gut defensiv gearbeitet, das hat gereicht. Aber nach einer gewissen Zeit konnte man auch die beiden italienischen Stürmer an ihrem Mittelfeld aufschließend sehen und damit kamen sie auch der Forderung "alle zum Ball" nach.

SZ: Gegen Spanien im ersten Spiel kamen die Italiener plötzlich mit einem 3-5-2 daher. Noch so ein Relikt aus ganz alten Zeiten.

Wormuth: Weil die Italiener ein paar Dinge aus der Vergangenheit rausgekramt haben, waren sie bei dieser EM mit Abstand am innovativsten. Denn die Dreierkette hat ja hinten mitnichten mit einem Libero gespielt, sondern sich verhalten wie eine Viererkette mit Verschieben und Übergeben. Der Raum, den sie abdecken musste, war natürlich sehr breit, weshalb sich bei starkem Druck des Gegners die beiden äußeren Mittelfeldspieler nach hinten haben fallen lassen. Es wurde eine Fünferkette daraus.

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