Paralympics "Es geht nicht mehr darum, welchen Unfall ein Athlet hatte"

Die Skilangläufer Ethan Hess aus Kanada und Valiantsina Shyts aus Weißrussland beim Training. Die Paralympischen Spiele beginnen am Freitag.

(Foto: Getty Images)

An diesem Freitag starten die Paralympics. Die zwölffache Goldmedaillen-Gewinnerin Verena Bentele spricht darüber, wie die Spiele Menschen mit Behinderung im täglichen Leben und bei der Jobsuche helfen.

Interview von Max Ferstl

Verena Bentele ist am Donnerstagnachmittag nach Südkorea gereist. Sie will die Paralympischen Spielen besuchen, das wichtigsten Ereignis im Behindertensport. Sehen kann sie die Wettkämpfe zwar nicht, Bentele ist von Geburt an blind. Aber sie will sich vor Ort einen Eindruck machen, will mit Athleten und mit Politikern sprechen. Früher war Bentele, 36, eine der erfolgreichsten paralympischen Athleten Deutschlands, im Biathlon und Langlauf hat sie zwölf Goldmedaillen gewonnen. In den vergangenen vier Jahren war sie die Behindertenbeauftragte des Bundes. Sie erklärt, welche Chancen die Paralympische Spiele eröffnen können. Und warum behinderte Menschen in Deutschland noch immer keine gleichwertigen Lebensbedingungen vorfinden.

SZ: Frau Bentele, vor zwei Jahren in Rio de Janeiro hat IOC-Präsident Thomas Bach die Paralympics ignoriert, in Pyeongchang will er bei der Eröffnungsfeier dabei sein. Welches Signal könnte von diesen Paralympics ausgehen?

Verena Bentele: Ich habe Thomas Bach damals kritisiert. Umso besser, dass er dieses Mal dabei ist. Es zeigt, dass es keine Olympischen ohne die Paralympischen Spiele gibt - das ist ein wichtiges Zeichen. Die Spiele sind vor allem eine Möglichkeit, über den Sport hinaus zu wirken. Wir können Berührungsängste abbauen und in den Köpfen verankern, was Menschen mit Behinderungen zu leisten im Stande sind. Die Paralympics sind eine authentische Botschaft, die wir in die Welt schicken können.

Verena Bentele im Juni 2013.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sie waren als aktive Athletin erstmals in Nagano 1998 dabei. Wie hat sich der Blick auf die Paralympics in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Der Stellenwert und die Aufmerksamkeit haben zugenommen. In Nagano gab es kaum öffentliches Interesse, kaum Übertragungen, deutlich weniger aktuelle Berichterstattungen. Heute überträgt das Fernsehen live, man kann die Wettbewerbe im Internet sehen. Auch die Art der Berichterstattung hat sich verändert. Früher konzentrierten sich Reporter vor allem auf das tragische Schicksal des Einzelnen. Das gehört natürlich zur Geschichte, ist aber nur ein Aspekt. Mittlerweile ist die sportliche Leistung in den Vordergrund gerückt. Es geht um die Schießfehler, die Zeitabstände - und nicht darum, welchen Unfall ein Athlet hatte. So soll es sein.

Nicht nur die Wahrnehmung, auch der Sport selbst hat sich gewandelt.

Die Strukturen im Behindertensport sind professioneller geworden. Die Förderung hat sich verbessert, es gibt mehr paralympische Athleten, die im öffentlichen Dienst angestellt sind. Allerdings brauchen beispielsweise sehbehinderte Athletinnen und Athleten in ihren Wettkämpfen einen Begleitläufer, der muss für ein optimales Training ebenfalls freigestellt werden. Das klappt oft noch nicht.

Wenn ein Sport professioneller wird, wird in der Regel auch mehr betrogen. Hat auch der Behindertensport ein Doping-Problem?

Die Zahl der Doping-Fälle steigt. Je mehr Aufmerksamkeit ein Sport bekommt, je mehr Geld es zu verdienen gibt, desto größer ist leider der Anreiz zum Betrug.

Im großen Stil haben zuletzt die russischen Athleten betrogen. Deshalb hat sie das Internationale Paralympische Komitee 2016 in Rio komplett ausgeschlossen. In Pyeongchang dürfen nun 30 Russen unter neutraler Flagge starten. Schadet das nicht der paralympischen Idee?

Das Signal ist fatal. Man muss konsequent sein: Entweder man schließt ein Team wegen systematischen Dopings komplett aus oder man lässt es starten. Die neutrale Flagge kann nicht die Lösung sein. Jeder weiß, dass es russische Athleten sind. Sie müssen lediglich auf ihre Hymne und ihre Fahne verzichten. Ich hätte mir gewünscht, dass in den letzten vier Jahren so kontrolliert worden wäre, dass man sicher sagen könnte: Der- oder diejenige ist sauber. So, wie man es jetzt gehandhabt hat, sind die Kriterien über Sperre oder Starterlaubnis nicht transparent. Ich verstehe sie jedenfalls nicht. Es ist gefährlich, wenn die Menschen nicht mehr das glauben können, was sie sehen. Das IOC hätte die Dinge ändern und in ein funktionsfähiges, flächendeckendes und internationales Kontrollsystem investieren können. Offensichtlich war das nicht gewollt.

Sie wollten "Barrieren in den Köpfen" abbauen, als Sie 2014 Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen geworden sind. Dann mussten Sie aber feststellen, dass Ihnen Gesprächspartner regelmäßig Unterlagen in die Hand drückten, die Sie nicht lesen konnten.

Viele gehen sehr unbewusst mit dem Thema um. Sie halten zum Beispiel einfach ihre Powerpoint-Präsentationen und denken nicht darüber nach, dass ich die Bilder nicht sehen kann. Ich würde mir wünschen, dass wir uns gegenseitig viel häufiger Fragen stellen würden. Dann würde es weniger unüberlegtes Handeln und Vorurteile geben. Es würde sicher auch helfen, wenn mehr Menschen mit Behinderungen öffentliche Ämter und Führungspositionen übernehmen würden.

Zu Ihren Aufgaben gehört auch, gleichwertige Lebensverhältnisse für behinderte und nichtbehinderte Menschen zu schaffen. Wie gleich sind die Lebensbedingungen in Deutschland?

Wir sind auf dem Weg, aber das Ziel ist noch nicht erreicht. Es gibt in vielen Bereichen Einschränkungen, ob in Sportvereinen oder im Gesundheitssystem. In der Arbeitswelt sind zum Beispiel überdurchschnittlich viele Menschen mit Behinderungen arbeitslos, obwohl sie im Schnitt eine bessere Qualifikation besitzen. Hier stellen die Paralympischen Spiele eine große Chance dar: Die Sportler zeigen, was ein Mensch leisten kann, egal ob mit oder ohne Behinderung.

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