Internationaler Fußball Sepp! Entkrampfen!

Der Chef des Fußballweltverbandes Fifa denkt darüber nach, die Verlängerung abzuschaffen. Leider ist es gut möglich, dass Sepp Blatter diesen Unsinn wirklich ernst meint.

Ein Kommentar von Christian Zaschke

Man könnte ihn einfach reden lassen und vielleicht spöttisch grinsen über den Unsinn, den er verzapft, oder, besser noch: den Unsinn gleich im Moment des Hörens vergessen. Aber Sepp Blatter, Chef des Fußballweltverbandes Fifa, ist nun einmal ein mächtiger Mann, er kann in diesem Sport tatsächlich etwas verändern. Also sollte der Unsinn einer kurzen Prüfung unterzogen werden. Der Unsinn geht so: Blatter glaubt, bei der WM Spiele gesehen zu haben, in denen einige Mannschaften bloß nicht verlieren wollten. Das gefiel ihm nicht, er will, dass alle immer auf Sieg spielen. Um das zu gewährleisten, sollen nun Lösungen gesucht werden. Blatter möchte den Sinn der Verlängerung prüfen (da, so sagt er, würden manche Teams ja noch weniger verlieren wollen), er findet, man könne ja vielleicht bei Unentschieden direkt mit dem Elfmeterschießen weitermachen. Oder man könne das Golden Goal wieder einführen. Es gelte, die "Spiele bei solchen Turnieren zu entkrampfen".

In regelmäßigen Abständen beglückt Blatter die Welt des Fußballs mit den Visionen, die ihm durchs Funktionärshirn rauschen. Er wollte schon die Tore vergrößern und im Frauenfußball "femininere Sportkleidung" einführen. Das 1993 eingeführte Golden Goal war höchst unbeliebt, dennoch dauerte es bis 2004, bis es endgültig aus dem Fußball verschwand (weil die Funktionäre nicht zugeben konnten, dass sie sich geirrt hatten, lebte es am Schluss noch eine kurze Weile als Silver Goal weiter). Groß war die Freude allenthalben als das Golden Goal endlich abgeschafft wurde, und wenn Blatter es nun wieder einführen will, so sei ihm empfohlen - mit allem Respekt und in seinen Worten -, sich bei diesem Thema zu entkrampfen.

Die Verlängerung zu streichen brächte natürlich auch keinen offensiveren Fußball, Teams mit vielen Elfmeterspezialisten könnten gar geneigt sein, sich gegen Ende einer Partie aufs Verteidigen zu konzentrieren. Man beraubte den Fußball zudem eines Spektakels, die Deutschen haben bei der WM 1970 gegen Italien und bei der WM 1982 gegen Frankreich legendäre Verlängerungen gespielt, und bei der jüngsten WM haben die Ghanaer gegen die USA und gegen Uruguay in der Verlängerung Triumph und Desaster erlebt.

Nicht, dass es keinen Reformbedarf im Profifußball gäbe. Der Blatter so verhasste Videobeweis ist zuletzt derart oft Gesprächsthema gewesen, dass der Fifa-Boss vielleicht mit einer Scheindebatte von drängenderen Fragen ablenken will. Es kann aber leider ebenso gut sein, dass Sepp Blatter diesen Unsinn wirklich ernst meint.

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