Hoffenheimer Kindertalent Nico Franke Dörfliche Parallelwelt

Dafür betreibt der Klub von Mäzen Dietmar Hopp einen bemerkenswerten organisatorischen Aufwand. Er unterhält nicht nur eines jener bundesweit üblichen Nachwuchsleistungszentren für die Spieler von der U16 bis zur U19. Er hat auch ein Förderzentrum (U12 bis U15) sowie ein Kinderzentrum (U11 und jünger) gegründet. Schon die Kinderteams werden in Hoffenheim von einem stattlichen Betreuer-Stab gehütet. Neben einem hauptamtlichen Chefcoach und seinem Assistenten gibt es Torwart-Trainer, Athletik-Trainer, Physiotherapeuten, aber auch Lehrer und Freizeit-Pädagogen.

Peters, der diesen mittelständischen Betrieb in Socken und Badelatschen organisiert, spricht von einem durchgängigen, systematischen Konzept. Weshalb der Verein dieses Konzept dann an der entscheidenden Stelle - an der Schwelle zum Profiteam - konterkariert, das weiß Peters allerdings auch nicht. Fast alle Jugendmannschaften der TSG gehören in ihrer Altersgruppe zu den besten in Deutschland. Im ersten Stock der Akademie aber hängt eine Fotogalerie mit den Porträts derer, die es aus dem eigenen Nachwuchs in die Bundesliga geschafft haben. Man kann mit zwei kleinen Schritten daran vorbei gehen. Nico Franke will eines Tages auch dort hängen.

Deshalb ist er in diese dörfliche Parallelwelt gezogen, in der nichts dem Zufall überlassen wird. Sein neuer Verein hat ihm eine Gastfamilie vermittelt. "Das ist wie mit normalen Eltern, nur dass sie nicht die richtigen Eltern sind", sagt Franke. Heimweh nach Berlin hat er angeblich nicht, "keine Zeit". Morgens geht er zur Werkrealschule, nachmittags zum Training. Dazwischen Nachhilfe oder Klavierunterricht. Mit der U15 ist Franke im Moment souveräner Tabellenführer der Regionalliga. Wer dort zuschaut, ahnt, weshalb ihn zu Beginn des Jahres auch Vereine wie der FC Bayern, der Hamburger SV oder Werder Bremen zum Probetraining eingeladen hatten. Franke weiß aber auch: Seine Ausbilder achten nicht nur auf seine Tore, sondern auch auf seine Schulnoten.

Am Anfang fand er das komisch. Jetzt findet er das gut: "Wenn es nicht klappt mit dem Fußball, will ich wenigstens einen Stand im Leben haben." Zuletzt hat er eine Zwei in Mathe geschrieben. "Früher in Berlin", sagt Franke, "ging das gar nicht."

Wenn nicht alles täuscht, dann ist Frankes Entwicklung im Kraichgau bislang eine Erfolgsgeschichte. Dessen ungeachtet, hat der Ligaverband DFL wohl vor allem diese Geschichte zum Anlass genommen, um eine Anwerbestopp von allzu jungen Talenten zu verhängen. Ab dem 1. Januar 2013 soll die Aufnahme in Internaten und Gastfamilien grundsätzlich erst ab der U16 erlaubt sein. Die 36 deutschen Profivereine, inklusive 1899 Hoffenheim, haben sich ferner dazu verpflichtet, nicht mehr mit Beratern zu verhandeln, die Kinder unter 15 Jahren vertreten. Spieler, die jünger sind, und sich trotzdem in die Hände eines Beraters begeben, sollen künftig nicht mehr in die Nachwuchs-Nationalmannschaften berufen werden.

Der 14-jährige Nico Franke hat inzwischen schon seinen zweiten Berater. Er will mal hoffen, dass auch der DFB für ihn eine Ausnahme macht.