Hoffenheimer Kindertalent Nico Franke Sogar eine Zwei in Mathe

Nico Frankes neue Welt: die TSG 1899 Hoffenheim.

Als 1899 Hoffenheim das Talent Nico Franke verpflichtete, wurde Franke über Nacht zu einem der berühmtesten 13-Jährigen des Landes. Die Branche zeigte sich erbost: Wie konnte ein Fußballklub ein Kind aus seiner Familie reißen? Heute fühlt sich Franke wohl - zwischen Fußball, Schule und Klavierstunden.

Von Boris Herrmann, Hoffenheim

Nico Franke spielt neuerdings Klavier. Eine halbe Stunde Unterricht pro Woche reicht ihm. Den Rest bringt er sich selbst bei. Geht ganz einfach. "Ich guck's mir an, dann lerne ich es ein bisschen und dann kann ich es auswendig", sagt Franke. Gerade hat er das Lied "Someone like you" von Adele einstudiert. In einer Instrumentalversion. Mitsingen möchte er lieber nicht, das wäre ihm peinlich. Gleichwohl ist Nico Franke, 14, Stürmer der U15 von 1899 Hoffenheim, davon überzeugt: "Wenn man so viel Fußball spielt wie ich, ist es gut fürs Gehirn, wenn man auch mal etwas anderes macht."

Franke ist ein schüchterner junger Mann, dessen Gesicht gerade von den Mysterien der Pubertät gezeichnet ist. Während er spricht, wandern seine Augen unentwegt an der Decke entlang. Er sagt, es gehe ihm gut in Hoffenheim. Er habe sich im vergangenen Jahr weiterentwickelt. Schulisch und sportlich. Außerdem sei er viel offener geworden. "Ich meine: Klavier! Hab ja nie gedacht, dass mir so was Spaß macht." Die Trainer und Ausbilder der Hoffenheimer Nachwuchsakademie hören solche Sätze gerne. Sie begreifen sie als Indizien dafür, dass ihr Konzept stimmt. Und vor allem: Dass ihr Image da draußen in Deutschland nicht stimmt.

Im Januar 2012 wurde Nico Franke über Nacht zu einem der berühmtesten 13-Jährigen Deutschlands. Als sein Wechsel von Tennis Borussia Berlin zu 1899 Hoffenheim publik wurde, standen fünf Fernsehteams vor den Toren der Hoffenheimer Nachwuchsakademie. Der Fall Franke galt als der letzte Beweis dafür, dass die Jagd nach Talenten in Fußballdeutschland unlautere Ausmaße angenommen hat.

Andreas Rettig, der designierte Geschäftsführer des Ligaverbandes DFL, sprach von einer besorgniserregenden Entwicklung, "wenn 13-Jährige quer durch die Republik transferiert werden". Ein gewisser Markus Babbel, damals arbeitslos, kritisierte: "Hoffenheim ist in dieser Hinsicht besonders aggressiv." Was ihn nicht davon abhielt, vier Wochen später einen Job als Trainer (und später auch Manager) des Bundesligateams von 1899 anzunehmen, dem man ihm inzwischen wieder abgenommen hat. In Sachen Kraichgauer Kinderjagd war sich ausnahmsweise sogar mal Michael Preetz mit Babbel einig. Der Manager von Hertha BSC hatte den Scouts der TSG bereits ein Jahr zuvor Hausverbot erteilt, nachdem zwei junge Berliner nach Hoffenheim gewechselt waren. Preetz schrieb einen Protestbrief an die DFL.

"Da ist auch immer ein Stück Heuchelei dabei", findet Bernhard Peters, Direktor für Sport- und Nachwuchsförderung bei 1899. Der ehemalige Weltmeister-Trainer der Hockey-Nationalmannschaft wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, Hoffenheim würde aggressiver als andere Klubs um Talente werben - schon gar nicht mit hochdotierten Verträgen, wie in der Branche gelegentlich gemutmaßt wird. Womöglich habe sein Klub schlichtweg ein attraktiveres Betreuungsangebot als andere Vereine vorzuweisen. So sieht Peters das. Auch er hält es grundsätzlich für keine gute Idee, 13-jährige Kinder aus ihrem familiären und schulischen Gefüge zu reißen. Er bezweifelt allerdings, dass Nico Franke in Berlin überhaupt in einem solchen Gefüge lebte. Man habe für ihn bewusst eine Ausnahme gemacht. Wenn man Peters richtig versteht, ging es seinem Verein - ganz selbstlos - darum, Nico Franke zu helfen.

Franke stammt, vorsichtig ausgedrückt, aus einfachen Verhältnissen. Er wuchs mit drei Geschwistern in so genannten Berliner Problemkiezen auf, zunächst im Wedding, später in Spandau. Seine Mutter arbeitet als Krankenschwester. "Viel Stress, selten zu Hause", erzählt Franke. Zu seinem Vater hatte er noch nie Kontakt. Das, was andere als Familie bezeichnen, kennt er vor allem aus dem Fernsehen. Und deshalb ist er auch der Ansicht: "Ich konnte gut von der Familie weggehen."

In Berlin besuchte Franke eine Hauptschule, die Noten waren meistens schlecht. Manchmal sehr schlecht. Er sagt: "Wenn man Berlin hört, denkt man immer sofort an Gewalt. Stimmt ja auch. So Sozialverhalten und so war da gar nicht möglich." In seinem neuen Leben muss er sich den ganzen Tag sozial verhalten. Gleich im Eingangsbereich zur 1899-Akademie hängt ein großes Schild mit der Aufschrift: "Die Hoffenheim-Mentalität". Es soll - so steht es im Kleingedruckten - darum gehen, authentische Typen zu erziehen, die zielbewusst, willensstark und leidenschaftlich sind. Man könnte auch sagen: Ein Jugendspieler der TSG soll im Idealfall in etwa das Gegenteil von dem verkörpern, was im Moment die Profiabteilung dieses Vereins ausstrahlt.