Halbfinale im DFB-Pokal gegen FC Bayern Marco Reus kämpft gegen seinen Makel

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Wenn man vor zwei Jahren mit Marco Reus sprach, war das meist eine Begegnung mit einem etwas scheuen, leisen Menschen. Banal war es so gut wie nie, was Reus in Mikrofone oder Kameras murmelte, aber die Körpersprache schien einem zu sagen: Leute, das ist hier nicht meine Welt, ich mache das mit, weil man mir gesagt hat, dass das Sprechen zum Beruf des Profifußballers dazu gehört. Scheinbar ein Mann ohne Eigenschaften.

2017 aber scheint Dortmunds Linksaußen seine innere Mitte gefunden zu haben. Und jetzt, mit 27, redet er überzeugend, ganz so wie ein heimlicher Mannschaftskapitän. Wenn einer wie Reus seinen Mitspielern sagt: "Wir haben in München eine Fifty-fifty-Chance", dann glaubt ihm das jeder. Reus redet immer noch nicht auftrumpfend, aber mit seiner Selbstsicherheit kann er inzwischen das ganze Team anstecken - und die ganze Stadt.

In diesem Frühjahr hat Borussia Dortmunds wichtigster Mann sechs Wochen lang wegen eines Muskelfaserrisses im Oberschenkel aussetzen müssen. Mal wieder, denn Verletzungen begleiten ihn. Danach spielte er, vier Tage nach dem Anschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus, eine Halbzeit gegen Frankfurt, später 90 Minuten gegen Monaco, am Samstag dann eine Stunde gegen Mönchengladbach. In jedem Spiel machte Reus ein Tor; die gesamte Tektonik des BVB-Angriffsspiels sah auf einmal ganz anders aus.

Beschwingter, unberechenbarer, selbstbewusster. "Ohne Marco können wir keines unserer Ziele erreichen", hat Trainer Thomas Tuchel gesagt. Dortmund ohne Marco Reus, das ist wie der FC Bayern ohne Robert Lewandowski oder ohne Manuel Neuer. Ohne ihn ist es ein anderes Spiel. Man wundert sich, aber es mutet so an, als käme Reus nach jeder Verletzungspause besser zurück, statt - wie sonst bei vielen Spielern - im Laufe der Zeit von den Blessuren entnervt zu werden und zu verglühen.

An diesem Mittwoch, im Halbfinale in München, geht es für Reus aber wieder um diesen anderen Makel, den er bei keinem Aufbautraining loswerden kann. Vielleicht ist Reus der Spieler seiner Generation mit dem größten Verletzungspech, der beste deutsche Spieler der Gegenwart, der noch nie einen wirklichen Titel gewinnen konnte. Den WM-Triumph 2014, als er als Stammspieler gesetzt war, verpasste er verletzt - und musste am Fernseher mit ansehen, wie sein inzwischen ebenfalls nach Dortmund zurückgekehrter Kumpel Mario Götze das Trikot von Reus nur stellvertretend bei der Siegerehrung hochhalten konnte. Bei der EM 2016 verletzte sich Reus ebenfalls kurz vor Turnierbeginn.

"Vor zwei Jahren", sagte Reus schon kurz nach dem Ausscheiden aus der Champions League vor einer Woche beim AS Monaco, "haben wir in München auch schon ein Halbfinale gewonnen. Wir wollen nach Berlin." Vor allem will Reus da wohl hin. 2015, in der verkorksten letzten Saison unter Jürgen Klopp, verlor Dortmund nach dem Coup in München das Finale gegen den VfL Wolfsburg. Voriges Jahr unterlag der BVB im Pokalfinale im Elfmeterschießen gegen den FC Bayern, ebenso 2014, als Mats Hummels - der damals noch beim BVB spielte - ein klares Tor nicht anerkannt wurde und die Bayern siegten. So nah wie 2014 war Reus vermutlich nie an einem großen Titel. Auch nicht 2013 im verlorenen Champions-League-Finale, ebenfalls gegen die Bayern.

Reus hat in den vergangenen vier Jahren zwei große Turniere mit der Nationalelf verpasst und vier Endspiele nacheinander verloren. Seit er 2012 aus Gladbach zu seinem Jugendverein nach Dortmund zurückkehrte, hat der BVB nichts mehr gewonnen. Fünf Jahre lang. Trotzdem zählt Reus zu den begabteren Fußballern des Planeten. In 218 Spielen kommt er auf 152 Tor-Beteiligungen. Wenn er mit Pierre-Emerick Aubameyang, Ousmane Dembélé und Shinji Kagawa stürmt, wirkt das wie ein großes Versprechen auf die Zukunft.