DFB-Team Gündoğan will das Schicksal korrigieren

Sehnt sich nach einem großen Turnier: DFB-Spieler İlkay Gündoğan.

(Foto: Kirsty Wigglesworth/AP)
  • İlkay Gündoğan hat aufgrund von Verletzungen bisher noch nicht ein einziges EM- oder WM-Spiel bestritten. Wenn nichts mehr schiefgeht, wird er bei der WM in Russland mitspielen.
  • Er ist in der Form seines Lebens und wird immer öfter überschwänglich bewertet.
  • Zu seinem aktuellen Qualitätssprung hat ihm Manchester-City-Trainer Pep Guardiola verholfen.
Von Ulrich Hartmann, Düsseldorf

Aus seinem Hotelzimmer hat İlkay Gündoğan einen weiten Blick. Am Mittwochmorgen war es noch ein bisschen neblig am Rhein, aber dann hellte es auf, und so konnte er durch die bodentiefen Panorama-Fenster in der 17. Etage über den idyllischen Niederrhein hinwegblicken. Gündogan ist glücklich im Kreise der Nationalmannschaft. Denn auch als Fußballer sieht er wieder klarer. Der Nebel seiner vielen schweren Verletzungen in den vergangenen fünf Jahren hat sich verzogen. Der 27-jährige Mittelfeldspieler von Manchester City blickt in eine helle Zukunft. Wenn nichts mehr schief geht, wird er bei der WM in Russland mitspielen.

Man mag es kaum glauben, aber Gündoğan hat bisher noch nicht ein einziges EM- oder WM-Spiel bestritten, nicht mal eine Minute. Das ist, gelinde gesagt, eine Unverschämtheit des Schicksals und soll in diesem Sommer unbedingt korrigiert werden. Das findet er natürlich auch selbst: "Ich versuche mich nicht zu sehr unter Druck zu setzen, aber, ja, der Wunsch ist schon groß."

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Gündoğan ist, wie man so sagt, in der Form seines Lebens, er wird immer öfter überschwänglich bewertet, so wie kürzlich, als er im Spiel gegen Chelsea mit 174 Pässen und einer 96-prozentigen Erfolgsquote einen historischen Premier-League-Rekord aufgestellt hat. Dazu trägt sein körperlicher Zustand bei. Der gebürtige Gelsenkirchener ist zurzeit beschwerdefrei - jedenfalls so, wie er selbst Beschwerdefreiheit beschreibt: "Nach zwei Knie-Operationen", sagt er lächelnd, "ist man vielleicht nie mehr komplett beschwerdefrei - ein paar Wehwehchen hat man immer."

"Wenn man so oft verletzt war, ist man glücklich über jedes Spiel"

Diese Wehwehchen halten ihn jedoch nicht davon ab, beachtlichen Fußball zu spielen. "Ich weiß genau, was mein Körper braucht, ich weiß, wie ich essen und dass ich viel schlafen muss, und jetzt fühle ich mich tatsächlich so gut, dass ich alle drei, vier Tage ein Spiel machen kann", sagt er. Genau das hat er in den vergangenen Wochen für Manchester City auch getan: viele Spiele über die volle Zeit.

Gündoğans Fußball-Welt war lange in Schieflage. Wenn er in dieser Woche aus seinem Hotelzimmer schaut und drunten im Düsseldorfer Medienhafen die spektakulären schiefen Häuser des Architekten Frank O. Gehry sieht, dann wird ihm vielleicht noch mal kurz schwindlig beim Gedanken an die lange Leidenszeit. Bei der EM 2012 war er zwar dabei, hat aber nicht gespielt. Den WM-Titel 2014 versäumte er wegen 14 Monate anhaltender Rückenbeschwerden - und die EM 2016 wegen einer Verrenkung der Kniescheibe.

Gündoğan - Meister, Pokalsieger und Champions-League-Finalist mit Borussia Dortmund und jetzt angehender englischer Meister mit Manchester City - hat in den vergangenen 56 Monaten, seit August 2013, bloß 28 Monate ernsthaft Fußball gespielt - die anderen 28 Monate war er verletzt: Wirbelsäule, Fußprellung, Kniescheibe, Kreuzbandriss, und diese Liste greift nur die größeren Pausen auf.

Diese Jahre haben Wirkung gezeigt, bestätigt er: "Wenn du sieben, acht, neun Monate nicht spielen kannst, dann fragst du dich irgendwann schon, ob du überhaupt noch mal auf den Platz zurückkehrst."

Genau das aber hat Gündoğan in beeindruckender Weise geschafft, und er sagt, er genieße das sehr, er schätze das durch die Entbehrungen der Vergangenheit wohl umso mehr: "Wenn man so oft verletzt war, ist man glücklich über jedes Spiel." An diesem Freitag in Düsseldorf gegen Spanien und am Dienstag in Berlin gegen Brasilien wird er vermutlich seine Einsatzzeiten bekommen, dazu wäre nicht mal nötig gewesen, dass der werdende Vater Sebastian Rudy vom FC Bayern am Mittwoch aus dem Mannschaftshotel abgereist ist.