Fußball-WM Panama entdeckt die "Trendsportart"

Gegen Belgien geht's los: Roman Torres, Luis Tejada und Edgar Barcenas (von rechts).

(Foto: AFP)
  • Vor ein paar Jahren wäre es in Panama noch undenkbar gewesen, dass ein Fußballer in einem Atemzug mit den Nationalhelden des Landes genannt wird - nun ist das anders.
  • Zahlreiche Linienbusse in Panama-Stadt zeigen statt der Endhaltestelle die Laufschrift an: "Vamos al mundial" - wir fahren zur WM.
Von Boris Herrmann, Panama-Stadt

In Panama erzählen sie über Roberto Durán, er habe im Alter von 14 Jahren mit einem rechten Haken ein Pferd ausgeknockt. Das kann Durán so nicht bestätigen. Erstens, sagt er, sei er wohl schon 15 gewesen. Zweitens habe er das Pferd nicht ausgeknockt, sondern nur umgehauen. Er ist keiner, der die Geschichten größer macht, als sie schon sind.

Allerdings ist Roberto Durán, genannt "Mano de Piedra", die Steinerne Hand, auch nicht von krankhafter Bescheidenheit besessen. Er ist sehr wohl der Meinung, dass er völlig zurecht als der größte Sportler angesehen wird, den sein kleines Land je hervorbrachte. Ein Land, in dem nahezu alle Sportlegenden Baseball-Spieler oder Boxer sind. Bislang jedenfalls. Rod Carew gehört sicher dazu, siebenmal in der nordamerikanischen Profiliga Major League Baseball als bester Schlagmann ausgezeichnet. Oder Mariano Rivera, der langjährige Pitcher der New York Yankees. Durán sagt, er verehre beide, dann beginnt er seine eigenen Meriten aufzuzählen: Fünf Weltmeistertitel in vier Gewichtsklassen, 103 Profi-Siege, 70 durch K. o., 1999 zum besten Leichtgewichtsboxer des 20. Jahrhunderts gewählt, guter Freund von Fidel Castro und Mike Tyson. Noch Fragen?

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Ja, vielleicht diese: Was hält er von Roman Torres? "Ah, Fußball", sagt Durán, "eine interessante Trendsportart."

Vorrundenspiel zum Überstunden abbauen

Im panamaischen Sportbetrieb verschiebt sich gerade etwas. Das spürt auch der alte Durán mit seinen 67 Jahren. Es ist ja schon deutlich mehr als ein Trend, was der Fußball in den vergangenen Tagen und Wochen ausgelöst hat, es ist mindestens ein Hype. Das Boxer-, Baseball- und Steuersparerparadies Panama ist erstmals bei einer Fußball-WM dabei, und der langhaarige Verteidiger Roman Torres, der das entscheidende Tor in der Qualifikation erzielte, wurde über Nacht so berühmt wie die Carews, Riveras und Duráns dieses Landes. Vor ein paar Jahren wäre es in Panama noch undenkbar gewesen, dass ein Fußballer in einem Atemzug mit diesen Nationalhelden genannt wird. Inzwischen scheint gar nichts mehr undenkbar zu sein.

Das erste Gruppenspiel der sogenannten "Canaleros" (frei übersetzt: Kanalarbeiter) an diesem Montag gegen Belgien wird um 10 Uhr panamaischer Zeit angepfiffen. Das Bildungsministerium wies vorsichtshalber alle Lehrer des Landes darauf hin, dass sie trotzdem zur Arbeit zu erscheinen hätten, wobei der Schulunterricht an diesem Tag durchaus "eine Aktivität in Gedenken an die Weltmeisterschaft" beinhalten könne. Wer im Übrigen Überstunden angesammelt habe, heißt es in der behördlichen Mitteilung weiter, dürfe sie gerne während eines Vorrundenspiels Panamas abbauen. "Wenn die Regierung den Boxsport nur auch mal so fördern würde", grummelt Roberto Durán.

Noch ist der Heldenstatus dieses Mannes unerreicht. Um ihn zu treffen, muss man sich nicht mit ihm verabreden, jeder in Panama-Stadt kennt das Haus, in dem die Steinerne Hand wohnt. Es steht in einer Straße, die bei Google Maps "Avenida 1a B" heißt und im Volksmund "Mano de Piedra". Auf dem Dach des Anwesens von Durán befindet sich die wohl größte Satellitenschüssel der westlichen Hemisphäre, die nicht im Besitz der CIA ist. Um zur Haustür zu gelangen, durchschreitet man eine Säulenhalle voller griechischer Götterstatuen und bronzenen Elefanten. Klingeling - einer der neun Söhne des Hausherrn öffnet die Tür. "Papa ist schon in der Kneipe", sagt er. Es ist Mittwoch, 14.30 Uhr.