Torwart Jens Lehmann erklärt in Stuttgart seinen Rückzug vom Profifußball zum Saisonende. Seine lange Karriere war geprägt von sportlichen Erfolgen und verrückten Eskapaden.
Jens Lehmann beendet nach der laufenden Saison seine Fußballer-Karriere. Diese Nachricht, die er in Stuttgart der Presse bekannt gab, ist keine Überraschung und dennoch ein kleiner Schock. Lehmann, 40, ist zuletzt oft gefragt worden, ob er wirklich im Sommer in den Ruhestand gehen werde, worauf er jedes Mal im Stil von Radio Eriwan antwortete: Im Prinzip ja. Aber man weiß ja nie ... Er wusste zwar, dass er nicht länger beim VfB Stuttgart bleiben kann und will, aber er wusste auf einmal nicht mehr, warum er eigentlich aufhören sollte.
Bild vergrößern
Hängt die Torwarthandschuhe bald an den Nagel: Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann vom VfB Stuttgart. (© Foto: ddp)
Anzeige
Seine Auftritte während der Rückrunde hatten ihm und dem Rest der Welt (dessen Urteil ihm aber nicht so wichtig ist) zweifelsfrei bewiesen, dass er sich nicht wegen nachlassender Leistungen zurückziehen müsste. Das motivierte ihn gleichermaßen zur Beendigung wie zur Fortsetzung der Laufbahn. "Ich will ja nicht als einer der Schlechtesten, sondern als einer der Besten aufhören", hat er vor einigen Wochen in Köln erzählt, aber natürlich war sich der mit hohem Selbstbewusstsein gesegnete Lehmann sicher, dass er noch eine ganze Weile zu den Besseren gehören würde.
Der Familienrat entscheidet
Nur: "Ich weiß nicht wo." Eine Weiterverwendung in der US-Profiliga war angeblich im Gespräch, aber das wäre kein spannender Abschluss einer Karriere gewesen, die ihn auf jeder Station bis zum Äußersten gefordert hat. Jetzt hat er den Familienrat entscheiden lassen, und der beschloss: kein Umzug mehr vom Domizil am Starnberger See, Feierabend.
Sein Bundesliga-Abschiedsspiel findet am 8. Mai bei der TSG Hoffenheim statt, ein Mini-Derby also, und wenn er Glück hat, wird Lehmann mit Pfiffen und Buhrufen empfangen werden. So wie es ihm am Samstag beim Spiel in München erging, wo er seit seinem monumentalen Duell mit Oliver Kahn besonders unbeliebt ist. Die Antipathie-Bekundungen hat er genossen, "sonst hätte mir etwas gefehlt". Selbst in Schalke, wo seine Profikarriere zu einer Zeit begann, als es noch zwei Deutschlands und dazwischen eine Mauer gab, wurde er neulich von der Fankurve bei jeder Aktion erbittert niedergebrüllt. Er ist eben kein Volksheld wie Rudi Völler, der sein letztes Profijahr als landesweiten Triumphzug erlebte.
In Schalkes Anhängerschaft gab es nach den Schmähungen einen Glaubensstreit zwischen älteren und jüngeren Fans, denn Lehmann trägt seit dem Uefa-Cup-Sieg 1997 den Adelstitel "Eurofighter". Es war sein erster und zugleich vorletzter Titelgewinn, fünf Jahre später gewann er mit Borussia Dortmund die Meisterschaft. Eine erstaunlich dünne Erfolgsbilanz ist das für einen Torwart seiner Klasse, aber irgendwie passt das auch zum radikalen Individualisten Lehmann, der weniger Mannschaftsspieler als Einzelsportler und in der Seele eine Künstlernatur ist. Er ist ein Mann mit tausend Macken - das sagen Leute, die ihn kennen und mögen.
Schalker und Borusse
Dass er nach seinem kurzen Ausflug zum AC Mailand nach Dortmund wechselte, haben ihm viele Schalker übelgenommen. In Dortmund wiederum hat man ihm lange Zeit übelgenommen, dass er aus Schalke stammt. Ein normaler Mensch würde sich nicht freiwillig so viel Feindseligkeit aussetzen, aber Lehmann hat es bewusst getan, wenngleich ihm Momente von Umnachtung nicht fremd geblieben sind.
Noch vor ein paar Monaten, als der VfB in einer apokalyptischen Formkrise steckte, wurde deshalb sein Rausschmiss gefordert. Beim Spiel in Mainz hatte er einen äußerst spleenigen Auftritt samt Platzverweis erlebt. Der neue Trainer Christian Groß stand vor der Wahl, ob er den alten Mann nach Ablauf der Sperre wieder ins Tor stellt, und der Schweizer hat sich als Kenner erwiesen. Nicht nur die VfB-Fans sind ihm dafür dankbar: Auch dieses letzte Halbjahr mit Jens Lehmann hat Freude gemacht.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
- Thema
- Bundesliga RSS
- Lehmann beendet Karriere "Der Familienrat hat entschieden" 30.03.2010
- Torhüter-Duelle Kampf der Egozentriker 09.09.2009
- WM-Torwart Von Stuhlfauth bis Neuer 05.01.2010
- FC Bayern: Franck Ribéry Der Wellenbrecher 17.05.2010
- Bundesliga: 1. FC Nürnberg Sieger auf Euro-Suche 17.05.2010
- Bundesliga: Relegation Jungbrunnen für Franken 16.05.2010
- FC Augsburg: Einzelkritik Wütende Bolzer 14.05.2010
(SZ vom 31.03.2010/jbe)
Führungsstreit der Linken
Ein großer Torwart beendet seine Karriere. Ohne Zweifel, Jens Lehmann ist einer der großen Torhüter, der auch große Erfolge gefeiert hat, auch wenn ihm der Autor dieses Kommentars unverständlicher Weise einige unterschlägt.
Auch wenn Jens Lehmann durch sein Kopfballtor zum 2:2 in der 93. Minute des Revierderbys für mich als Schalker quasi unsterblich und zur lebenden Legende geworden ist, so muss ich persönlich doch anmerken, dass ich mir das Wort "endlich" nicht verkneifen kann, wenn es um seinen Rücktritt geht.
Jens Lehmann hat es leider verpasst, einen würdevollen Abschied hinzulegen und nach seinem Engagement bei Arsenal seine Karriere zu beenden. In den zwei Jahren bei VfB hat er sich auf dem Platz und ausserhalb des Feldes nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Eskapaden mit Balljungen, Star-Allüren bezogen auf Helikopterflüge zum Training etc. etc. haben dazu beigetragen, dass ich persönlich heute leider sagen muss, dass mit steigendem Alter der Sympathiegrad eines Jens Lehmann stark abgenommen hat, während die für mich als Zuschauer nur subjektiv messbare Arroganz exponentiell angestiegen ist. Nicht zuletzt dieses ewige Geschwafel um sein mögliches Karriereende und die Tatsache, sich selbst noch mal für die Nationalmannschaft ins Spiel zu bringen haben dem Ansehen von Jens Lehmann m.E. stark geschadet. Man muss fast davon ausgehen, dass nun jemand zurücktritt, der sich selbst noch einmal ins Gerede bringen wollte, der nun mangels Alternativen die einzig mögliche Konsequenz zieht.
Schade, Jens Lehmann! Das hätte besser laufen können!
Besser kann man es kaum ausdrücken!
Das mit den 1000 Macken ist wohl übertrieben. Die Macken, die er hat, scheinen mir aber sehr ausgeprägt zu sein. Und wenn einen Einiges auch zum Schmunzeln bringt. Manchmal macht er es einem sehr schwer, ihn zu mögen.
Abgesehen davon, dass Ette10 vollkommen recht hat, finde ich es unsäglich, wie Spieler immer wieder an Titeln gemessen werden. George Weah war Weltfußballer, aber nie bei einer Weltmeisterschaft.
Oder wir vergleichen ihn einmal mit Harald "Toni" Schumacher. Immerhin der bestimmende Torhüter (mit zugegeben großer Konkurrenz durch Uli Stein) in den 80er Jahren. Titel: Deutscher Meister 1978, Pokalsieger 1977, 1978, 1983 und Europameister 1980. Bei der EM 1980 stand er übrigens nur im Tor, weil sich die Nummer 1 der Nationalmannschaft, der damals sensationell spielende, Norbert Nigbur kurz vor der EM verletzt hatte.
Wie viele große Torhüter haben nie einen internationalen Titel gewonnen. Andi Köppke hat immerhin - mit im Übrigen sehr guter Leistung - die EM 1996 gewonnen. Ansonsten ist er wohl der Nationaltorhüter mit den meisten Abstiegen aus der Bundesliga.
Journalismus als Erbsenzählerei: NEIN DANKE!
Der Artikel ist ja im Prinzip gut geschrieben, hinterlässt Menschen mit einem Funken Fussballsachkenntnis dennoch fassungslos. Der Autor hat doch nie im Leben jemals etwas mit Fussball zu tun gehabt! Anders ist es nicht zu erklären, dass er uns Lehmanns Uefa Cup Pokal als vorletzten Titel seiner Karriere verkaufen will und dabei fünf Jahre beim Arsenal FC in der Premier League unterschlägt, in denen Lehmann ungeschlagen englischer Meister und FA Cup Sieger wurde sowie mit Arsenal ins CL-Finale einzog, ohne vorher ein einziges Tor zu kassieren. Diese "dünne" Erfolgsbilanz macht ihn zum einzigen deutschen Spieler, der in den letzten Jahren überhaupt außerhalb der Bundesliga Erfolg hatte.
Bitte unbedingt korrigieren, das ist ja peinlich!