Friedhelm Funkel "Den Medizinball habe ich längst aussortiert"

"Mit dem Alter bin ich gelassener geworden", sagt Friedhelm Funkel.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Zum sechsten Mal steigt Friedhelm Funkel als Coach in die Bundesliga auf, diesmal mit Düsseldorf. Ein Gespräch über die Vorteile des Älterwerdens und die Vorzüge wissenschaftlicher Trainingsmethoden im Fußball.

Interview von Matthias Schmid

Friedhelm Funkel steigt mit Fortuna Düsseldorf in die erste Liga auf. Zum sechsten Mal ist ihm das mit einem Fußball-Zweitligisten gelungen - damit ist er der Rekord-Aufsteiger unter den Trainern. Der 64-Jährige wird nach dem Rücktritt von Jupp Heynckes in der nächsten Spielzeit auch der älteste Fußballlehrer in der Bundesliga sein. Im SZ-Interview spricht Funkel über die Vorteile des Älterwerdens, über Spieler mit GPS-Sendern und warum er in Düsseldorf in Rente gehen will.

SZ: Herr Funkel, schreiben Sie E-Mails?

Friedhelm Funkel: Natürlich, aber nicht auf dem Laptop, sondern nur mit meinem Smartphone. Ich schreibe auch SMS oder WhatsApp-Nachrichten, da bin ich ganz en vogue.

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Nervt es Sie, wenn viele Sie wegen Ihres Alters als Old-School-Trainer abtun?

Überhaupt nicht. Ich schmunzele und amüsiere mich darüber. Ich habe zwar keinen Laptop, bin aber wissenschaftlichen Neuerungen im Fußball gegenüber sehr aufgeschlossen. Und das Wichtigste für mich in meinem Alter ist ohnehin die Gesundheit. Ich bin 64 Jahre und topfit. Dass ich in der nächsten Saison der älteste Trainer in der Bundesliga sein werde, interessiert mich dabei nicht. Mir macht mein Job unglaublich viel Spaß.

Sie haben einmal gesagt, dass es keine jungen oder alten Trainer gäbe, sondern nur gute oder schlechte. Was zeichnet einen guten Trainer aus?

Dass er seine Spieler respektiert und einen menschlichen Zugang zu ihnen findet. Meine Spieler wissen, dass sie mit jedem - auch privatem - Problem zu mir kommen können. Ich höre mir alles an und versuche, Ratschläge zu geben. Das schließt natürlich nicht aus, dass ich auch mal lauter werde, wenn es um den Fußball geht. Ich muss einfach manchmal mit Bestimmtheit auftreten und zeigen, wer das letzte Wort hat. Wichtig ist zudem, dass man seine Vorstellungen gut rüberbringen kann: Es geht bei der Führung einer Mannschaft um viele unterschiedliche Dinge, die Taktik aber ist ein sehr wichtiger Baustein. Und man darf sich als Trainer nicht allzu wichtig nehmen.

Können Sie inzwischen mehr Empathie für die Spieler aufbringen als in jungen Trainerjahren?

Ich denke schon, dass ich empathischer und viel gelassener bin als vor 20 Jahren. Man lernt mit der Zeit, dass es noch andere Dinge im Leben gibt als Fußball, die einen glücklich machen können. Und man lernt, dass man nicht mehr alles allein machen muss, sondern seinen Mitarbeitern auch vertrauen und ihnen Aufgaben auftragen kann. Auf dem Platz bin ich mehr und mehr in die Beobachterrolle reingewachsen. So erkenne ich Entwicklungen bei den Spielern, die mir früher vielleicht entgangen sind.

Sind Sie ein besserer Trainer als vor 20 Jahren?

Schwierige Frage. Ich war ja schon damals erfolgreich und bin mit Mannschaften in die erste Liga aufgestiegen oder habe zum Beispiel mit Duisburg das Pokalfinale 1998 erreicht. Ich habe aber mittlerweile mehr Lebenserfahrung. Sie hilft mir, bestimmte Dinge besser einzuschätzen. Und ich kümmere mich nicht mehr um jedes Detail, sondern habe eher das große Ganze im Blick und delegiere inzwischen viele Aufgaben an meinen Mitarbeiterstab, die ich früher noch selbst gemacht habe.

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Das ist auch ein Unterschied zu früher: Ein Trainer hat heute viel mehr Experten um sich herum.

Das ist eine sehr große Hilfe. Ich habe zum Beispiel einen Videoassistenten, der sich um die Nachbetrachtung unserer Spiele oder die Vorbereitung auf die nächste Partie kümmert. Mir imponiert, wie er die Spiele in jede erdenkliche Sequenz zerlegen kann. Mit ihm arbeite ich sehr eng und viel zusammen, auch an seinem Laptop. Mir ist es ganz wichtig, dass wir neue wissenschaftliche Erkenntnisse in die Trainingsarbeit einfließen lassen. Meine Spieler tragen zum Beispiel im Training einen GPS-Sender, um ihre Daten zu sammeln und auszuwerten, damit wir ihre Intensität und Umfänge ganz gezielt steuern können. Es ist ein riesiger Fortschritt, das Training ganz individuell abstimmen zu können, um so Verletzungen zu vermeiden. Wir üben häufig in kleinen Gruppen und ich versuche zudem, den Ball in möglichst alle Übungsformen zu integrieren.

Auch den Medizinball?

Den Medizinball habe ich längst aussortiert. Das heißt aber nicht, dass wir weniger intensiv trainieren würden. In der Vorbereitung müssen meine Spieler sehr viel laufen.