Fifa-Pate João Havelange Das Erbe der Diktatur

João Havelange machte die Korruption und die Nähe zu den Mächtigen zur Geschäftsgrundlage der Fifa. Sie prägt den Verband noch heute. Nun wird ein Reinigungsprozess einsetzen, in dessen Folge Katar die in umstrittener Wahl errungene WM 2022 verlieren wird. Doch das reicht nicht. Der Rücktritt Sepp Blatters müsste folgen.

Ein Gastbeitrag von Juca Kfouri

Der studierte Sozialwissenschaftler Juca Kfouri, 62, ist einer der bekanntesten Sportjournalisten Brasiliens. Er arbeitet für Fachzeitungen, Fernseh- und Radiostationen und betreibt einen eigenen Blog.

Havelange mit Blatter: Geschäftsverständnis weitergegeben

(Foto: dpa)

Mit 96 Jahren ist Jean-Marie Faustin Goedefroid, kurz: João de Havelange, Brasilianer aus Rio de Janeiro und Sohn eines belgischen Waffenhändlers, der quasi hundertjährige Beweis dafür, dass schlechte Mittel zwangsläufig zu einem schlechten Ende führen. Der ehemals mächtigste Dirigent des internationalen Fußballs, der 18 Jahre lang Präsident des brasilianischen Fußballverbands CBF und 24 Jahre lang Präsident der Fifa war, legt den letzten Abschnitt seines Lebensweges auf einer mit Schlamm und Schande bedeckten Straße zurück.

Ihm wird vorgeworfen, Bestechungsgeld in Höhe von 1,5 Millionen Dollar von der pleitegegangenen ISL angenommen zu haben. Das Unternehmen - ein Gigant des Sportmarketings - gehörte den Adidas-Gründern Dassler und war fast drei Jahrzehnte mit der Fifa verbunden.

Die Schweizer Justiz kam zu dem Schluss, dass sowohl Havelange als auch sein ehemaliger Schwiegersohn und früherer Präsident des brasilianischen Fußballverbands CBF, Ricardo Teixeira, im Namen der ISL die Übertragungsrechte der Weltmeisterschaften vermittelten und sich dabei auf illegale Weise bereicherten. Teixeira, der mithilfe von Havelange zur CBF kam, erhielt dem Bericht der Schweizer Justiz zufolge fast zwölfmal mehr als sein Pate.

Havelange war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er stieß 1974 während der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland zur Fifa. Es war die zweite WM, die weltweit im Fernsehen übertragen wurde. Wir erlebten damals den Anfang des globalen Dorfes: Es war möglich geworden, den ohnehin populärsten Sport der Welt noch weiter zu verbreiten.

Der Brasilianer, der dank der Stimmen der Afrikaner, die ihm Pelé als Wahlhelfer verschafft hatte, zum Präsidenten gewählt wurde, wandte in der Fifa bald dieselben Methoden an, wie sie während der brasilianischen Militärdiktatur üblich waren. Daheim führte er eine Meisterschaft mit bis zu 94 Mannschaften ein mit der Begründung, durch den Fußball werde die Integration Brasiliens gefördert. In der Fifa erhöhte er die Anzahl der WM-Teilnehmer bereits im Jahr 1982 in Spanien von 16 auf 24 und 1998 in Frankreich auf 32.

Das war seine offensichtliche Strategie, um immer wieder gewählt zu werden. Sie fußte auf einem anti-europäischen Diskurs, denn trotz seiner Herkunft hat er immer Europa beschuldigt, es wolle den Fußball dominieren. Vielleicht weil er realisierte, dass die Welt dem Europacup mehr Bewunderung entgegenbrachte als der Weltmeisterschaft.

Tatsache ist, dass Havelange sich durchsetzte und seinen damaligen Schwiegersohn Teixeira mitzog. Dieser war mit seiner einzigen Tochter Lucia verheiratet, die ihm drei Enkelkinder schenkte - alle mit dem Nachnamen Teixeira Havelange, obwohl in Brasilien üblicherweise der Name des Vaters an der wichtigen letzten Stelle steht. So konnte Teixeira seinem Schwiegervater schmeicheln und verhindern, dass der Name Havelange mangels eines Sohnes verschwinden würde.

Der ernste, wortkarge und bis ins Mark formale Havelange konnte sich Respekt verschaffen und sogar Angst einflößen; er wurde von einem Teil der brasilianischen Presse hofiert und war ein Freund aller Regierenden, egal, ob sie rechts- oder linksgerichtet waren, Gewählte oder Putschisten, Politiker der Mitte. Havelange behauptete, er sei apolitisch und kümmere sich ausschließlich um Fußball - obwohl er selber Schwimmer und Wasserballer war und engen Freunden gebeichtet haben soll, dass Fußball ein Sport für Minderwertige sei.

Tatsächlich benutzte er diese vermeintlich apolitische Haltung, um 24 Stunden am Tag Politik zu betreiben. Er suchte die Nähe zu Diktatoren, in Brasilien, den südamerikanischen Nachbarländern, in Afrika. Er rühmte sich immer damit, dass die Fifa mehr Mitglieder habe als die UN.

So wie sich alles Festgefügte in Luft auflösen kann, fällt jetzt auch Havelanges Maske der Macht auseinander - obwohl er bei den von Teixeira verursachten Skandalen ungeschoren davonkam, die Anfang 2000 zwei Untersuchungsausschüsse des Parlaments nach sich zogen.

Im vergangenen Jahr sah er sich - vor der Untersuchung seiner Verfehlungen bei der ISL - sogar gezwungen, sich aus dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zurückzuziehen, dem er 48 Jahre lang angehörte. Die Aberkennung seines Titels als Ehrenpräsident der Fifa steht bevor. Fifa-Chef Joseph Blatter glaubt, dass dies ausreicht, um seinen eigenen schlechten Ruf loszuwerden, obwohl er schon immer über die Bestechungsgelder Bescheid wusste.