FC Augsburg "Das ist eine Riesen-Aufgabe"

Markus Weinzierl, 41, geboren in Straubing/Niederbayern kam im Sommer 2012 vom SSV Jahn Regensburg zum FC Augsburg.

(Foto: Adam Pretty/Bongarts/Getty Images)

Bayern, Liverpool, Abstieg? Trainer Markus Weinzierl über einen schwierigen Spagat.

Interview von Kathrin Steinbichler und Claudio Catuogno

In Europa kennt uns keine Sau" - so lautete das Motto des FC Augsburg vor seinen ersten Ausflügen in die Europa League. Das Motto hat sich erledigt: Am kommenden Donnerstag empfängt der kleine Klub aus Schwaben in der K.o.-Runde Jürgen Klopp und den FC Liverpool, eine Woche später geht es an die Anfield Road. Und vorher kommt am Sonntag noch Pep Guardiola mit dem FC Bayern zum Ligaspiel vorbei. Festwochen in Zeiten des Abstiegskampfs: Trainer Markus Weinzierl, 41, spricht über den Spagat zwischen europäischen Träumen und Überlebenskampf in der Bundesliga.

Herr Weinzierl, wie viele neue Freunde haben Sie in den letzten Tagen gewonnen, die noch irgendwie Tickets wollen?

Die Nachfrage ist riesig, und mich freut das natürlich, weil wir dadurch merken, wie interessant wir geworden sind. Aber ich kann nicht alle glücklich machen, manchen Freund musste ich enttäuschen.

In Europa sorgen Sie für Furore, im Bundesligaalltag kämpfen Sie gegen den Abstieg. Wie kriegen Sie das zusammen?

Das geht schon zusammen. Für den Verein ist Liverpool ein Traumlos, die Entwicklung der letzten Jahre wird dadurch gekrönt. Trotzdem sind wir ein kleiner Klub und müssen uns immer wehren, um irgendwie die Punkte für den Klassenerhalt einzusammeln. Diese beiden Extreme prallen eben gerade aufeinander.

Zwischen den Liverpool-Spielen liegt das wichtige Auswärtsspiel beim Tabellenvorletzten Hannover 96. Sie müssen die nächsten 14 Tage wohl im Paket planen.

Wir hatten in der Vorrunde mal acht Spiele in drei Wochen. Klubs, die oft international dabei sind, kennen das, wir kannten es nicht. Aber wir haben gelernt, wie man die Etappen plant - und auch dementsprechend aufstellt.

Wenn Sie die Startelf für das Bayern-Spiel am Sonntag festlegen, haben Sie schon Liverpool und Hannover im Kopf?

Ja.

Die Spieler wissen davon aber nichts.

Wenn's jetzt in der Zeitung steht . . .

Erklären Sie einem Spieler: Pass auf, gegen Bayern spielst du nicht, weil ich dich gegen Liverpool brauche?

Nein, das macht keinen Sinn, weil ja immer Dinge passieren, die nicht planbar sind. Aber als Trainer musst du immer mehr als das nächste Spiel im Blick haben.

Bevor Sie sich auf Bayern und Liverpool einlassen konnten, mussten Sie zuletzt ein 1:2 in Ingolstadt verarbeiten, das durch einen unberechtigten Elfmeter in der 85.

Minute zustande kam. Ja, und das ärgert mich natürlich. So etwas kostet unnötig Kraft und Konzentration. Mit einem 1:1 wäre bei uns jetzt alles gut, wir hätten unsere Serie verteidigt, es wäre in der Liga das achte Spiel ohne Niederlage gewesen. Und wegen so eines Pfiffs sieht dann alles anders aus, da kommen schon negative Emotionen hoch. Aber Niederlagen muss man dann auch abhaken.

Sie haben jedenfalls Ihr Plädoyer für den Videobeweis erneuert.

Wir haben bei dem Thema eine klare Haltung. Es geht um Gerechtigkeit, und ich glaube, dass die Zuschauer im Fußball gerechte Siege und Niederlagen wollen, gerechte Meister, gerechte Absteiger. Also sollte man den Schiedsrichtern jede Hilfe geben, die Sinn macht und umsetzbar ist.

Wie würde der Videoschiedsrichter, den Sie sich wünschen, funktionieren?

Das umzusetzen ist nicht meine Aufgabe. Aber es muss ja irgendwie umsetzbar sein, ohne dass das Spiel verändert wird. Man könnte damit anfangen, den vierten Offiziellen, der am Spielfeldrand die Trainer kontrolliert, vor einen Fernseher zu setzen, damit er das Spiel kontrolliert.

So ein falscher Elfmeterpfiff kurz vor Schluss schlägt den Bogen zum nächsten Gegner, dem FC Bayern . . .

Zu unserem Hinspiel im September in München, ja. Wir haben in dieser Saison zwei bayerische Derbys durch Fehlentscheidungen kurz vor Schluss verloren.

Und trotzdem ist Ihre Bilanz gegen Pep Guardiola in der Liga bislang beachtlich: zwei Siege, drei Niederlagen.

Man muss aber ehrlich sagen, dass wir die Bayern auch mal in für uns glücklichen Momenten erwischt haben. Zwei Mal waren sie gerade vorzeitig Meister geworden. . .

. . . und vielleicht nicht mehr ganz bei der Sache. Diesmal steht die Meisterschaft noch nicht fest, aber seit Guardiola seinen Abschied angekündigt hat, ist einige Unruhe im Verein. Ein Vorteil für Sie?

Durch Unruhe werden die Spieler sicher nicht schlechter. Die sind das gewohnt.

Aber generell liegen Augsburg spielstarke Mannschaften, oder?

Das stimmt. Es fällt uns leichter, gut zu stehen und zu kontern, als das Spiel selbst zu machen. Das geht aber vielen Kleinen so.

Auf den Spielstil des FCA erheben Sie inzwischen offenbar eine Art Urheberrecht: Nach dem 0:0 kürzlich in Berlin haben Sie Ihrem Trainerkollegen Pal Dardai vorgeworfen, dass er mit der Hertha die Spielweise des FCA kopiert habe.

Ich habe das nicht beklagt, sondern angemerkt. Ich habe auch nicht verstanden, warum Pal Dardai sich darüber geärgert hat. Ich wurde gefragt, ob ich in der Überraschungself Hertha BSC den FC Augsburg wiedererkenne. Und in der Tat kann ich da sehr viele Elemente erkennen.

Sie hatten sogar einzelne Spielzüge wiedererkannt. Das klang, als würden Sie geistiges Eigentum geltend machen.

Als Mannschaft hast du klar definierte Spielzüge. Wie man aus der Viererkette herausspielt, mit welchen Laufwegen, welchen Kombinationen. Und bei der Hertha habe ich diese Spielzüge wiedererkannt. Ich empfinde das aber als Kompliment, auch wir haben uns ja was abgeschaut.

Wo denn?

Das habe ich jetzt gerade vergessen.

Als Europapokal-Teilnehmer wollten Sie auch spielerisch den nächsten Schritt machen und sind die Saison mit viel Offensivgeist angegangen. Wegen der Misserfolge zu Saisonbeginn haben Sie das aber ziemlich radikal wieder sein lassen.

Wir haben gut gespielt, aber unsere Chancen nicht verwertet, dann gerätst du natürlich auch unter Druck. Also haben wir drei Schritte zurück gemacht und erst mal wieder die Defensive stabilisiert. Aber jetzt gilt es - aus der gefestigten Defensive heraus - wieder dahin zu kommen, wo wir spielerisch schon mal waren.

Kommen Sie überhaupt noch dazu, Spielzüge einzuüben und zu verfeinern?

Die reduzierte Zeit zum Training durch die Mehrfachbelastung hat uns definitiv Probleme bereitet in dieser Saison.

Womöglich hilft Ihnen bald der Stürmer Alfred Finnbogason, den Sie von San Sebastián ausgeliehen haben - zumindest in der Liga, international ist er ja nicht spielberechtigt. Sie haben Finnbogason schon vor zwei Jahren persönlich zu Hause in Island besucht, um ihn vom FCA zu überzeugen. Zeichnet das den Standort Augsburg aus: dass der Cheftrainer für einen Spieler persönlich nach Reykjavik fliegt?

Es hat ja vor zwei Jahren leider nicht geklappt. Er ist nach Spanien gegangen.

Aber der Besuch hat sicher nachgewirkt.

Ich glaube schon, dass er das jetzt im Hinterkopf gehabt hat. Reykjavik war übrigens eine schöne Reise, es wurde die ganze Nacht nicht finster . . . Aber klar, als kleiner Verein müssen wir mehr investieren und bessere Ideen haben, um Spieler zu holen. Das Persönliche ist der größte Trumpf des Vereins. Dass die Leute, die hier arbeiten, zusammenhalten, und dass jeder kleine Puzzleteile in die Familie mit einbringt.

Das Spiel am Donnerstag wird der erste Auftritt von Jürgen Klopp in Deutschland sein, seit er zu Liverpool gewechselt ist. Das rückt auch Sie persönlich in den Blickpunkt - es ist jetzt auch ein Trainer-Duell.

Damit kann ich leben. Dieses Los, noch dazu mit einem deutschen Trainer, ist wirklich ein Geschenk für uns und hilft uns, den FCA auf großer Bühne zu präsentieren. Wir freuen uns auf diesen tollen Klub und auf Jürgen Klopp.

Ist es durch Klopp unwahrscheinlicher geworden, dass Liverpool den FC Augsburg unterschätzt?

Ja. Mit Sicherheit.

Andererseits haben Sie und der FCA bereits bewiesen, dass Sie Klopp-Mannschaften besiegen können.

Wir haben schon gegen viele gute Mannschaften gut ausgesehen, nicht nur gegen Klopps Dortmunder. Wir haben gegen alle Großen in der Bundesliga schon gewonnen. Das gibt Selbstvertrauen. Wir haben vergangene Saison in München gewonnen, wir haben in Gladbach gewonnen. Auch in dieser Saison haben wir schon gute Leistungen abgeliefert. Deshalb weiß ich von meiner Mannschaft: Wenn sie 100 Prozent auf den Platz bringt, können wir auch gegen Liverpool bestehen.

Guardiolas Lust auf Englische Wochen

Pep Guardiola sieht müde aus und klingt heiser, als er am Freitag an der Säbener Straße über die kommenden Wochen spricht. Es ist ein freier Tag, und es ist dem Fußballlehrer anzusehen, dass er sich ein paar andere Dinge vorstellen könnte, als jetzt hier zu sein. Doch die Zeit zwischen den Spielen wird nan wieder kürzer, am Mittwoch noch der Pokalsieg gegen Bochum, am Sonntag (17.30 Uhr) in Augsburg, bald wieder Champions League. Guardiola sagt, ihn freue das: "Wir brauchen diese Wochen. Du hast keine Zeit, andere Sachen zu tun." Heißt: Weniger reden, mehr spielen.

Ein wenig redet er dann trotzdem. Über Augsburgs Trainer Markus Weinzierl zum Beispiel sagt er: "Wenn du gewinnst, bist du manchmal ein guter Trainer." Zweimal hat Weinzierl Guardiola schon geschlagen, so oft wie kein anderer Bundesligatrainer, erst acht Bundesligaspiele überhaupt hat Guardiola ja verloren. Allerdings waren die Bayern zweimal schon Meister, als sie Augsburg unterlagen.

Doch dann ist da ja noch dieses Hinspiel, was die These des Angstgegners Augsburg untermauert. Nur eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters verhinderte ein Unentschieden, ein Elfmeterpfiff in der Nachspielzeit führte zum glücklichen Münchner 2:1-Sieg. "Das war unfair", sagte Guardiola, doch: "Ich habe eine Liste über Schiedsrichterentscheidungen. Puh - eine Entscheidung für uns in 20 Spielen, das ist ein guter Durchschnitt."

Wenn Guardiola schon redet, dann nicht so gern über die Vergangenheit. Also Augsburg: "Jetzt ist ein neues Spiel". Eines, indem Guardiola den nächsten Defensivspieler ersetzen muss. Xabi Alonso fehlt gesperrt. Wer ihn ersetzt könnte, lässt der Trainer offen. Joshua Kimmich könne auf der Position vor der Abwehr spielen. Womöglich debütiert Serdar Tasci in Augsburg. Kapitän Philipp Lahm könnte in die Mitte rücken, Arturo Vidal wieder von Anfang an spielen. Auch Mario Götze und Franck Ribéry sind vielleicht bald bereit für eine Rückkehr. Auch dazu sagte der Trainer: nichts.

Guardiola ist anzumerken, dass er sich herantastet an die entscheidenden Wochen der Saison. "Das nächste Spiel gewinnen, dann das nächste, dann das nächste - dann schauen, wie viele Titel das ergibt", sagte er, als ihn ein englischer Journalist nach seinen Zielen fragte.

Den Fokus auf die sportliche Gegenwart zu wahren, während ihn alle nach der Zukunft fragen, das ist Guardiolas Herausforderung in diesen Tagen. Sein Nachfolger Carlo Ancelotti war am Mittwoch in der Stadt, er soll mit Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge den Kader für die kommende Saison besprochen haben und nach einer Bleibe gesucht haben. Ob sich Guardiola mit ihm getroffen habe? Ein erstaunter Blick: "Ich? Mit Carlo? Ich war in Bochum."

Genießen Sie die Liverpool-Spiele umso mehr, da Sie wissen: Niemand erwartet von Augsburg ein Weiterkommen?

Wir haben schon die Gruppenspiele gegen Bilbao, Alkmaar und Belgrad genossen, gleichzeitig wollten wir immer auch weiterkommen. Wir haben immer so aufgestellt und ausgewechselt, dass wir noch gewinnen oder punkten können. In Belgrad haben wir es dann wirklich in der letzten Minute noch geschafft. Mit dem Gefühl gehen wir auch in die Spiele gegen Liverpool.

Waren Sie schon mal an der Anfield Road?

Nein, aber ich freu' mich drauf.

Nach dem verpatzten Saisonstart haben Sie gesagt: Wenn Sie es in dieser Saison schaffen, in der Bundesliga zu bleiben, wäre das höher einzuschätzen als die Europa-Qualifikation in der Vorsaison . . .

. . . deshalb ist das wichtigste Spiel von allen auch das beim Tabellenvorletzten Hannover. Da müssen wir punkten.

Ist diese Saison wirklich so schwer?

Ich kann heute behaupten, dass es eine Riesen-Aufgabe ist. Ich habe mir die Saison schwierig vorgestellt, aber das Erlebte war noch schwieriger. Wenn du als kleiner Verein Fünfter wirst, ist das eine gefühlte Meisterschaft für alle. Dann kommen die internationalen Spiele, immer am Donnerstag - die Bundesliga folgt dann am Samstag oder Sonntag. Das funktioniert zunächst nicht so einfach, das haben wir unmittelbar erfahren müssen. Bis Mitte November war es sehr schwer. Das Selbstvertrauen und die Moral haben gelitten. Umso bemerkenswerter ist es, was die Mannschaft ab dem zwölften Spieltag gemacht hat, wie sie die Dinge gedreht hat.

Dass Sie in Europa "keine Sau" kennt, stimmt so auch nicht mehr: Der britische Premier David Cameron hat Anfang des Jahres bei einem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel über den FCA gesprochen.

Was hier seit vier Jahren passiert, ist einfach eine sensationelle Geschichte. Es ist in den letzten Jahren einmalig, denke ich, dass eine kleine deutsche Mannschaft sich international so in den Vordergrund gespielt hat.

Denken Sie, Merkel hat Cameron angemessen Auskunft geben können?

Laut Berichten hat sie gesagt: "It's an amazing story."

Ihre Karriere als Trainer - von Jahn Regensburg bis an die Anfield Road - ist auch eine erstaunliche Geschichte.

Eine so schöne Geschichte hätte ich mir jedenfalls nicht mal ausdenken können, als ich mich damals hingesetzt habe, um den Vertrag in Augsburg zu unterschreiben.

In jedem Fall sorgt Ihre "amazing story" dafür, dass Sie trotz Vertrags bis 2019 permanent mit finanzkräftigeren Klubs in Verbindung gebracht werden. Im Sommer hätten Sie zu Schalke 04 wechseln können, diese Woche wurde ein angebliches Interesse von RB Leipzig kolportiert.

Damit gehe ich völlig entspannt um. Das sind Spekulationen, die zeigen, dass der FCA im Mittelpunkt steht und die Mannschaft in den letzten Jahren gut gespielt hat. Als Trainer bist du da ein bisschen mehr in der Diskussion, aber so ist es eben.

Sie haben davon gesprochen, wie intensiv die letzten Monate waren. Manch ein Trainer, Ralf Rangnick etwa, musste sich eine lange Auszeit nehmen. Auch Pep Guardiola hat, bevor er zu den Bayern kam, ein einjähriges Sabbatical eingelegt.

Ich kann schon nachvollziehen, dass ein Pep Guardiola damals gesagt hat, er muss sich mal wieder sortieren, um danach 100 Prozent ausgeruht eine neue Aufgabe anzugehen. Um erfolgreich zu sein, musst du leidenschaftliche Arbeit abliefern. Und der Trainerjob ist der, der wahrscheinlich am meisten in der Öffentlichkeit steht und an dem viele Interessen hängen. Gerade bei so großen Vereinen wie dem FC Bayern. So im Feuer zu stehen, täglich beobachtet zu werden und Rechenschaft oder Erklärungen abgeben zu müssen in alle Richtungen, das ist mit Sicherheit sehr intensiv. Für mich ist nachvollziehbar, dass sich da einer auch mal zurückziehen möchte. Wobei ich da jetzt nicht über mich spreche. Ich bin ja noch jung . . .

Wenn am Sonntagabend das Derby gegen die Bayern abgepfiffen ist - beginnt bei Ihnen dann noch vor dem Einschlafen die gedankliche Vorbereitung auf Liverpool?

Das hängt davon ab, ob wir gewinnen oder verlieren. Und ob wieder ein unberechtigter Elfmeter dabei sein wird oder nicht.