Englands Vardy gegen die DFB-Elf Hackentore - so wird's gemacht

Die moderne Hackentor-Variante zeigt Jamie Vardy (l.).

(Foto: imago/BPI)

Eine neue Mode? Fersentore im Stil von Englands Jamie Vardy sind spektakulär - und kaum zu verteidigen.

Von Klaus Hoeltzenbein

Schon Fritz Walter wusste, wo der Haken an der Sache ist. Es sei dieser schmale Grat zwischen Artistik und Blamage, zwischen Feier und Peinlichkeit. Und Thomas Müller weiß spätestens seit Samstagnacht, wo das Problem für all jene liegt, die in diese Artistik noch reinzugrätschen versuchen: "Manchmal verteidigt man gut, und der Gegner macht es besser."

Müller sah aus der Ferne zu, sein Kollege Antonio Rüdiger hatte den besten Platz im Stadion, der deutsche Verteidiger stand gleich nebendran, als Jamie Vardy zu seinem Kunstschuss ansetzte. Zu einer Variante, die der alte Fritz so ähnlich schon vor 60 Jahren im Programm führte, die bislang aber trotzdem nicht zum Standard-Repertoire der Offensivkräfte gehörte. Flugkopfbälle, Fallrückzieher, Tore mit der verpönten Schuhspitze, der sog. Pike - alles war gängiger als ein Fersentor à la Vardy.

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74. Minute, scharfe Flanke von rechts, leicht in den Rücken der Abwehr gezogen, Vardy zieht auf den ersten Pfosten, er hat jetzt zwei Optionen: Direktschuss vorne um Rüdiger herum, oder den Ball durch die Beine durchlaufen lassen, um blitzschnell mit der Ferse zuzuschnappen. Ein Traumtor dieses 2:2, das erste Länderspieltor für Vardy, der auf der Insel als "der Entfesselte" bekannt ist, weil er einst wegen einer Jugendsünde mit einer Fußfessel unterwegs sein musste, und weil die Karriere des 29-Jährigen gerade erst richtig Fahrt aufnimmt. Wer es sich einfach macht, könnte von Zufall sprechen, vom Glück eines Spätberufenen. Allerdings liegt Vardy mit 19 Treffern in der Torjägerliste der Premier League auf Platz zwei. Er ist der Hauptdarsteller im ganz großen Sport-Rührstück - alle Welt fiebert inzwischen mit und hofft, dass dieser Stürmer mit der Sensations-Elf von Leicester City die Tabellenführung auch ins Ziel retten möge.

Ibrahimovic markierte sein 50. Länderspieltor mit der Hacke

Und außerdem hat man ein nahezu deckungsgleiches Fersentor gerade erst bestaunen können. Nicht von Vardy, aber in der Premier League. Beim Nordlondon-Derby in Tottenham (2:2) erzielte Arsenals Aaron Ramsey in diesem Stil das 1:0. Scharfe Flanke, harten Fersenschub, sauber platziert neben den Pfosten. Dass es drei Wochen später die Vardy-Kopie zu beklatschen gab, nährt einen Verdacht: Kommt da etwas, das kaum zu verteidigen ist, in Mode? Wird es mit System trainiert? Ist es bald eine schulmäßige, patentierte Lösung für immer enger gestellte Strafräume?

Tore mit dem Fußende waren lange eine Rarität. Der 54er-Weltmeister Fritz Walter erzielte jenes, für das er in seinem Lehrbuch ("So habe ich's gemacht") schwärmte, bei einem 5:3 des 1. FC Kaiserslautern in Leipzig gegen Wismut Karl-Marx-Stadt. Der Schwede Zlatan Ibrahimovic war so frei, seinen 50. Länderspiel-Treffer mit der Ferse zu markieren. Vorigen Herbst kam aus Den Haag die wundersame Kunde, dass Martin Hansen, einem Torwart, ein Zwölf-Meter-Tor ins lange Eck zum 2:2-Endstand gegen Eindhoven gelungen sei. Und jüngst erst traf Bochums Tim Hoogland spektakulär gegen Freiburg.

Tief ins Gedächtnis nicht nur des FC Bayern eingebrannt hat sich der legendärste "Fersler", in Wien auch "Ferserl" genannt. Ebendort, im Landesmeister-Finale 1987 gegen den FC Porto, setzte Rabah Madjer die Münchner matt. Gedankenschnell, mit der Hacke, aus drei Metern. Verglichen mit dem Vardy-Kunstschuss war es eine leichte Übung.

Die "Mutter aller Fersler": Rabah Madjer, FC Porto, 1987.

(Foto: Peter Robinson/empics)